American Football

Sport  Die Tortur beginnt in der härtesten Liga der Welt

Der Berliner Björn Werner (Mitte) bei der Knochenarbeit während seiner Profizeit bei den Indianapolis Colts. Hier versucht er, Denard Robinson von den Jacksonville Jaguars zu stoppen
Der Berliner Björn Werner (Mitte) bei der Knochenarbeit während seiner Profizeit bei den Indianapolis Colts. Hier versucht er, Denard Robinson von den Jacksonville Jaguars zu stoppen
Foto: Getty Images / Getty Images Sport/Getty Images
Donnerstag beginnt die neue NFL-Saison. Die Profis halten die Tortur im Durchschnitt nur drei Jahre aus. Wie der Berliner Björn Werner.

Berlin.  Am Donnerstagabend wird es sich Björn Werner gemütlich machen daheim in Indianapolis. Er wird sich auf seine Couch setzen, die Füße hochlegen und ein kühles Getränk öffnen. Dann wird er Football schauen, das Eröffnungsspiel der National Football League (NFL) zwischen Titelverteidiger und Topfavorit New England Patriots und den Kansas City Chiefs. Oben im Haus wird seine zwei Jahre alte Tochter schlafen und Werner sich freuen, dass er den Tag über mit ihr spielen konnte und nicht auf einem Football-Feld stehen musste irgendwo in Nordamerika.

Werner, der 27 Jahre alte gebürtige Berliner, ist mit sich im Reinen nach seinem Rücktritt vor neun Monaten. „Ich hatte eine gute Karriere“, sagt er. Im ersten Moment mag das befremdlich klingen. Gerade mal drei Jahre war er selbst Teil des Spektakels als Spieler der Indianapolis Colts, für die er 42 Spiele absolvierte.

Werner ist damit absoluter Durchschnitt. Drei Jahre – länger dauert eine Karriere in der NFL meist nicht. Statistisch gesehen sind es 3,12 Jahre. In keiner anderen Sportliga der Welt ist der Konkurrenzkampf größer und gnadenloser. Jedes Jahr drängen um die 400 bis 500 Talente von den Hochschulen in die Profiliga.

Nach jeder Saison droht Arbeitslosigkeit

Die 32 Teams haben nur 53 Plätze im Kader zu vergeben. So kommt es rein statisch dazu, dass rund die Hälfte aller NFL-Spieler des Vorjahres im darauffolgenden Herbst arbeitslos ist. Arbeitslos deshalb, weil es keine zweite Liga gibt, in die sie wechseln könnten. American Football wird auf höchstem professionellen Niveau weltweit nur in den USA gespielt. Mit dem Hamburger Kasim Edebali hat nur ein einziger Deutscher seinen Platz sicher, der Defensive End steht im Kader der Denver Broncos.

Das hat zur Folge, dass viele bis zum Äußersten gehen, um nicht aus dem Betrieb zu fallen. Medikamentenmissbrauch und Doping sind ständige Begleiter und gesundheitliche Probleme die Regel. Vor allem Kopfverletzungen und bleibende Gehirnschäden standen zuletzt im Fokus.

Eine Sammelklage ehemaliger Aktiver zwang die Liga zu einer Schadensersatzzahlung in Milliardenhöhe. Hinter der Fassade des Hochglanzproduktes, das an den Spieltagen weltweit über die Fernsehgeräte flimmert, kann American Football ein Monster sein, das seine Spieler frisst. So wie Werner.

Für die Amerikaner war Werner „the german wall“

Dabei hatten ihm Experten eine lange Zeit vorausgesagt in Amerikas Sportart Nummer eins, die auch in Deutschland immer beliebter wird und den Sendern Sat.1 und Pro7 Maxx gute Einschaltquoten beschert. Als einer, der diesen Sport prägen könne, galt Werner, der 2013 bei der jährlichen Talentauswahl in der ersten Runde gezogen wurde – so früh wie kein deutscher Spieler vor ihm.

Die Amerikaner nannten ihn „the german wall“, die deutsche Mauer. Weil die Gegner zu College-Zeiten an dem 1,93 Meter großen und 120 Kilo schweren Hünen einfach abprallten wie Papierflugzeuge. Ein anderer Spitzname lautete, na klar, the Berlin Wall. Alles lange her.

Die Berliner Mauer hat seitdem einiges abbekommen. Sie ist rissig geworden in den drei Jahren als Profi, ihr Fundament trug irgendwann nicht mehr.

Noch immer leidet er unter seinen Blessuren

Werners Fundament sind seine Knie. Vier Mal wurden sie operiert, bis sie keinen Leistungssport mehr zuließen. Und überhaupt, die Verletzungen. Fuß, Schulter, Leisten, Rücken – es gibt kaum ein Körperteil an Werner, das nicht mindestens einmal gezerrt, gerissen, entzündet oder gestaucht war.

Das verfolgt ihn bis heute. Wenn er zu lange sitzt, werden seine Knie steif. Dann muss er sich schnell bewegen und herumlaufen. Langstreckenflüge sind eine Qual. Das ist unpraktisch, weil Werner inzwischen eine Agentur gegründet hat, die junge, talentierte Footballspieler aus Europa an amerikanische Highschools oder Colleges vermittelt und viel mit dem Flugzeug unterwegs ist zwischen den Kontinenten.

Nachschub für die Knochenmühle? Werner findet diese Sichtweise unpassend, weil die Gefahren der Sportart nicht neu sind. „Jeder, der Football spielt, weiß, dass man sich verletzen kann“, sagt er. Die Debatte über Verletzungen, Folgeschäden und übertriebener Härte sei „ein Mediending“ und in den Umkleidekabinen kein Thema.

Im vierten Profijahr gilt man schon als Veteran

Würde Werner heute noch spielen, würde er in seinem vierten Jahr schon als Veteran gelten. Einer dieser Erfahrenen war es, der ihm einst einen Satz mit auf den Weg gab, der am Ende auch für Werners Karriere zutreffen sollte. „Boy“, sagte der Muskelberg, „you never know when you take your last snap“. Du weißt nie, wann du dein letztes Spiel machst.

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