Kriminalgericht

Berlin  "Einfach zugetreten" - Prozess gegen U-Bahn-Treter startet

Eine Sequenz aus dem Überwachungsvideo: Der Täter tritt der Frau in den Rücken. Die Frau stürzt nach vorn. Die drei Begleiter schauen zu
Eine Sequenz aus dem Überwachungsvideo: Der Täter tritt der Frau in den Rücken. Die Frau stürzt nach vorn. Die drei Begleiter schauen zu
Foto: Polizei Berlin
Svetoslav S. attackierte im U-Bahnhof Hermannstraße auf brutale Weise eine Frau. Am Donnerstag beginnt gegen ihn der Prozess.

Natürlich wird es vor Gericht die Frage nach dem Anlass geben, nach einem Motiv für eine völlig sinnlose, unglaublich brutale Tat. Und es ist erwartbar, dass Svetoslav S. sie angeblich nicht beantworten kann, weil er zu viel getrunken und Drogen genommen haben will und sich leider nicht erinnern könne.

Der 27-Jährige muss sich ab Donnerstag vor der 21. Großen Strafkammer des Berliner Landgerichts verantworten. Vorgeworfen werden ihm gefährliche Körperverletzung und exhibitionistische Handlungen. Svetoslav S. soll sich, so der Anklagesatz, Anfang Oktober vergangenen Jahres in Reinickendorf vor drei Frauen auf öffentlicher Straße entblößt und masturbiert haben, um sich sexuell zu erregen. Erst auf einem Parkplatz, eine gute halbe Stunde später in einem Park.

Opfer brach sich den Arm und hatte eine Kopf-Platzwunde

Im Vordergrund des Prozesses wird aber die unglaublich brutale Tat vom 27. Oktober 2016 stehen. Kurz nach Mitternacht soll er auf einer Treppe im U-Bahnhof Hermannstraße einer Frau, die arglos die Treppe herunterlief, unvermittelt und offenkundig ohne jeglichen Anlass gezielt und wuchtig in den Rücken getreten haben. Die 26-Jährige stürzte kopfüber herunter und fiel mit dem Gesicht auf den Bahnsteig. Sie erlitt dabei einen Armbruch und eine Platzwunde am Kopf. Svetoslav S. soll das noch, genüsslich an einer Zigarette ziehend, beobachtet haben und anschließend, als wäre nichts geschehen, mit seinen drei Begleitern weitergezogen sein.

Andere Fahrgäste kümmerten sich um die junge Frau. Sie wohnt in Berlin, ist für den zweiten Verhandlungstag, am 20. Juni, als Zeugin geladen. Gesehen haben wird sie den brutalen Treter vermutlich nicht. Aber interessant für das Gericht ist auch, welche Folgen die Attacke hat, ob es seitdem psychische Probleme gibt. Da ist nicht unwichtig für die Höhe der Strafe.

Auch bei diesem Fall – wie so oft bei gewalttätigen Übergriffen in Bahnhöfen und Verkehrsmitteln – führten Aufnahmen von Überwachungskameras zum mutmaßlichen Täter. Eine Videosequenz von 20 Sekunden, auf der die Attacke im Bahnhof deutlich zu sehen ist – und auch der Täter. Es dauerte dann aber noch sechs Wochen, bis diese Bilder öffentlich wurden. Zunächst in der „Bild“-Zeitung. Wenig später, am 8. Dezember, leitete die Polizei mit der Videosequenz eine Öffentlichkeitsfahndung ein. Erklärt wurden diese Verzögerungen von den Ermittlern mit „rechtlichen Regularien“, an die man sich zu halten habe. Dazu gehöre, dass zunächst andere mögliche Ermittlungsmaßnahmen ausgeschöpft werden müssten und natürlich auch ein richterlicher Beschluss.

Videosequenz tausendfach angeklickt

Die Videosequenz wurde tausendfach angeklickt und in sozialen Medien geteilt. Vier Tage nach der Veröffentlichung konnte die Polizei einen Mann festnehmen, der Svetoslav S. in jener Nacht im U-Bahnhof begleitete. Ein Arbeitskollege hatte ihn auf dem Video erkannt und die Ermittler informiert. Es folgten weitere Hinweise, die zu Svetoslav S. als mutmaßlichen Täter führten. Er ist dreifacher Vater, vorbestraft wegen Diebstahls und Fahrens ohne Führerschein, dessen Familie in der bulgarischen Hafenstadt Warna lebt. Auch dort sorgte die brutale Tat in Internetforen für große Empörung.

Gefasst wurde Svetoslav S. am Nachmittag des 17. Dezember am Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) in Charlottenburg. Er kam mit einem Bus aus Marseille. Über das Prozedere der Festnahme kursieren mehrere Theorien. Eine besagt, Zielfahnder des Landeskriminalamtes hatten ihn schon in Frankreich aufgespürt. Nach einer anderen soll ihn ein Fahrgast im Bus erkannt und die Polizei mit dem Handy informiert haben. Bei der dritten Variante geht es um einen glücklichen Zufall: Am ZOB habe gerade ein größeres Polizeiaufgebot einen Präventionskampagne gegen Taschendiebe durchgeführt. Dabei habe ein Beamter den Flüchtigen erkannt.

Polizei nimmt mutmaßlichen U-Bahn-Treter fest

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Beweislage reichte für eine härtere Anklage nicht aus

Svetoslav S. soll die Tat bei der Polizei gestanden haben. Schon beim Haftbefehl wurde von einer gefährlichen Körperverletzung ausgegangen. Von diesem Vorwurf geht auch die Anklage aus. Es wäre aber auch eine härtere Anklage denkbar gewesen. Auf dem Video sieht es so aus, als ob der Täter mit seinem brutalen Tritt mutwillig in Kauf nahm, dass die Frau auf der Betontreppe tödliche Verletzungen erleiden könne. Konsequenz wäre dann eine Anklage wegen versuchten heimtückischen Mordes. „Die Staatsanwaltschaft hat eine Anklage wegen eines versuchten Tötungsdeliktes geprüft“, sagt Martin Steltner, Sprecher der Staatsanwaltschaft. Dafür habe die Beweislage jedoch nicht ausgereicht.

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