Hilfsprojekt

#SBahn  will Obdachlose nicht mehr einfach verweisen

Sascha Sträßer und Wilhelm Nadolny (r.), hier im Ostbahnhof, kümmern sich um Obdachlose in den Zügen der S-Bahn
Sascha Sträßer und Wilhelm Nadolny (r.), hier im Ostbahnhof, kümmern sich um Obdachlose in den Zügen der S-Bahn
Foto: Rainer Jensen / dpa
S-Bahn startet Hilfsprojekt für Obdachlose, die Zuflucht in den Zügen suchen. Partner ist die Stadtmission.

Welcher Fahrgast der Berliner S-Bahn kennt diese Situation nicht: Mitten im Berufsverkehr fährt ein Zug ein – völlig überfüllt, nur ein Wagen ist menschenleer. Der Grund offenbart sich gleich nach dem Einsteigen. Auf einer der Bänke kauert eine Menschengestalt, umhüllt von Alkoholdunst und anderen strengen Gerüchen. Die meisten Reisenden ergreifen trotz des Platzmangels im Zug umgehend die Flucht. Alle übrigen sehen sich in einer Situation völliger Hilflosigkeit, wie sie denn auf das „Häufchen Elend“ dort in der Ecke nun reagieren sollen.

Auch die S-Bahn Berlin war lange Zeit ratlos, wie sie mit den von Fahrgästen zunehmend beklagten Zuständen umgehen soll. Rechtlich formal erscheint alles klar: Reisende, die andere Fahrgäste extrem belästigen, können von der Beförderung ausgeschlossen und vor die Tür gesetzt werden. Doch die Erfahrung zeigt: Dem Problem, dass obdachlose Menschen in Zügen und Bahnhöfen Schutz vor Kälte und Nässe oder einfach nur ihre Ruhe suchen, ist damit dauerhaft nicht beizukommen.

Nun geht die S-Bahn neue Wege. Die Bahntochter hat jetzt gemeinsam mit der Stadtmission der evangelischen Kirche ein Hilfsprojekt gestartet. Zunächst befristet für ein Jahr kümmern sich zwei Mitarbeiter der Stadtmission als „mobile Einzelfallhelfer“ um die Gestrandeten. Koordiniert wird das Projekt von Dieter Puhl, dem Leiter der Bahnhofsmission am Bahnhof Zoologischer Garten. Der erfahrene Sozialarbeiter begrüßt die Initiative der S-Bahn. „Deren Mitarbeiter, aber auch Polizisten und Security-Leute sind mit dieser Situation häufig überfordert.“ Um den Klienten, wie er die oft von sozialer Verwahrlosung und schweren Krankheiten gezeichneten Menschen nennt, wirklich zu helfen, sei viel Zeit und vor allem große Erfahrung nötig.

Wie schwer es ist, Zugang zu den Obdachlosen zu finden, davon berichtete am Donnerstag bei einem Vor-Ort-Termin am Ostbahnhof Sascha Sträßer, einer der beiden „Einzelfallhelfer“. Es dauere oft Monate, bis man mit Ihnen überhaupt einen Kontakt aufgebaut bekommt. „Wir kümmern uns um die, die von allen anderen schon aufgegeben wurden. Für mich ist aber kein Fall hoffnungslos“, sagte Sträßer. Der 29-Jährige, eigentlich Anlagenmechaniker, ging nach seinem Dienst bei der Bundeswehr zur Stadtmission. Seine Methode bei der Arbeit mit Obdachlosen: „Viel quatschen, öfter einen Kaffee zusammen trinken, sich immer wieder verabreden und auf den Moment hoffen, an dem der Betroffene endlich bereit ist, Hilfe auch anzunehmen.“

Rund 8000 Menschen leben in Berlin auf der Straße

Rund 8000 Menschen leben nach einer vorsichtigen Schätzung von Dieter Puhl in Berlin „auf der Straße“. Etwa 150 bis 200 würden normale Hilfsangebote grundsätzlich ablehnen. Gerade sie würden sich häufig in die Züge und Bahnhöfe von BVG, S-Bahn oder Deutscher Bahn zurückziehen. „Die Leute dort einfach rauszuschmeißen, löst das Problem nicht“, sagt Ortrud Wohlwend, Sprecherin der Stadtmission. Umfragen unter S-Bahn-Fahrgästen hätten ergeben, dass die meisten sich wünschen, dass den Betroffenen professionell geholfen werde. „Über diese Haltung sind wir auch sehr froh.“

Obwohl das Projekt erst vor vier Monaten gestartet wurde, gibt es bereits erste Erfolge. Von einem berichtet Wilhelm „Willy“ Nadolny, der zweite Einzelfallhelfer der Stadtmission. Er kümmert sich etwa um „Marianne“, die schon seit vielen Jahren am Bahnhof Zoo lebt. „Vor vier Monaten war sie in einem völlig desolaten Zustand, sie hat eigentlich nur noch auf den Tod gewartet“, berichtete er. Es habe ihn viel Zeit gekostet, ihr den Glauben an sich und das Leben zurückzugeben. Inzwischen würde sie in einer Notunterkunft leben, habe einen Personalausweis und werde von den Behörden wieder als Mensch anerkannt. „Diese Woche hat sie Geld vom Sozialamt bekommen. Damit hat sie sich stolz eine Fahrkarte für die S-Bahn gekauft und ist anschließend ins Kino gegangen.“ Den Menschen ihr Selbstwertgefühl zu geben, das sei die größte Herausforderung, vor der die Helfer der Stadtmission stehen.

65.000 Euro für das Projekt

Die S-Bahn stellt für das zunächst auf ein Jahr befristete Projekt 65.000 Euro bereit. Jörk Pruss, bei der Bahntochter zuständig für die Sicherheit der Fahrgäste, signalisierte aber bereits, dass er sich eine Verlängerung vorstellen kann. „Das ist eine Chance, S-Bahnfahren für unsere Fahrgäste angenehmer zu machen.“ Die Entscheidung soll Ende des Jahres fallen.

Und wie sollen Reisende auf die Obdachlosen in der S-Bahn reagieren? „Wichtig ist, nicht einfach wegzusehen. Und wenn es nur ein Lächeln ist, das man ihnen schenkt“, sagt Helfer Sascha Sträßer. Bei bei lebensbedrohlichen Situationen allerdings sollte unbedingt die Polizei gerufen werden. Die Helfer der Stadtmission können indes nicht per Telefon alarmiert werden. Eine ständige Erreichbarkeit sei personell nicht leistbar, so Puhl.

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