Kreuzberg

#Kreuzberg  Bayram tritt bei Bundestagswahl Nachfolge von Ströbele an

 Canan Bayram und Hans-Christian Ströbele
Canan Bayram und Hans-Christian Ströbele
Foto: Soeren Stache / dpa
Die 51-jährige Canan Bayram folgt dem grünen Urgestein Hans-Christian Ströbele als Kreuzberger Direktkandidatin für den Bundestag.

Um 13.02 Uhr ist die Ära Hans-Christian Ströbele in Friedrichshain-Kreuzberg formal beendet. Die gerade einmal 60 anwesenden stimmberechtigten Parteimitglieder wählten am Sonnabend die Menschenrechtspolitikerin und Anwältin Canan Bayram zur Direktkandidatin ihres Bezirks für die anstehenden Bundestagswahlen – und damit zur Nachfolgerin der grünen Kultfigur Ströbele. Angesichts von 1200 grünen Parteimitgliedern im Bezirk, die alle zur Teilnahme an der Wahl aufgerufen waren, startet Bayram nicht gerade mit starkem Rückenwind in den anstehenden Wahlkampf.

Die Bürde, die Bayram nach der Ära Ströbele trägt, war an diesem Vormittag in der Tanzschule Maxixe in der Fidicinstraße spürbar. Die Friedrichshainerin nahm zurückhaltender als sonst zunächst auf einem der hinteren Plätze im Versammlungsraum Platz, bevor sie ans Rednerpult trat. Sie betonte in ihrer Bewerbungsrede ihr Engagement für die Menschenrechte und bat um die Unterstützung nicht nur der grünen Parteimitglieder. „Ich stehe heute hier, weil ich für Menschenrechte, Gerechtigkeit und Vielfalt stehe“, sagte sie. „Dafür bitte ich um Euer Vertrauen.“ Nur zusammen mit den vielen Initiativen und Aktivisten im Bezirk bestehe die Chance, das Direktmandat erneut zu gewinnen – so, wie es Ströbele vier Mal hintereinander als bislang einziger Grüner in Deutschland geschafft hat.

Die Grünen müssen kämpfen

Denn die Zeiten, in denen es hieß, die Grünen könnten in Kreuzberg auch mit einem Besenstiel antreten, um das Direktmandat zu gewinnen, sind vorbei. Bei den vergangenen Wahlen zum Bundestag und zum Europaparlament landeten sie in manchen Wahlkreisen hinter SPD und Linken nur noch auf Platz drei im Bezirk. Und auch der Bundestrend spricht derzeit nicht für die Grünen. Nach aktuellen Umfragen erreichen sie bundesweit nur acht Prozent der Wählerstimmen – es könnte also knapp werden.

Deswegen zeigte sich Bayram nach ihrer Wahl ohne Gegenkandidaten am Sonnabend zwar erfreut, aber nicht euphorisch. „Der Bundestag hat eine streitbare und kämpferische Stimme aus Friedrichshain-Kreuzberg nötig, die Initiativen, Zivilgesellschaft und Aktivisten von der Straße im Parlament Gehör verschafft und progressive gesellschaftliche Veränderungen vorantreibt“, sagte Bayram etwas staatstragend.

Vor den Grünen liegt ein harter Wahlkampf, um Friedrichshain-Kreuzberg als grüne Hochburg zu erhalten. Das weiß auch Bayram. Die 51-Jährige wurde in Malatya (Türkei) geboren. Sie wuchs am Niederrhein auf und brach zunächst die Schule ab. „Die Schule war mir nicht frei genug“, sagte Bayram am Sonnabend. Danach absolvierte sie zunächst eine kaufmännische Ausbildung, holte das Abitur nach und studierte Jura. „Jetzt bin ich eine Juristin, die auch rechnen kann“, beschrieb sie ihre Kompetenzen in der Bewerbungsrede.

Bayram begann ihre politische Karriere zunächst in der SPD, für die sie 2006 in das Abgeordnetenhaus einzog. 2009 wechselte sie zu den Grünen. Sie ist flüchtlingspolitische Sprecherin ihrer Fraktion und Mitglied des Innen- und Rechtsausschusses.

Bayram gilt als nicht unumstritten in der eigenen Partei, weil sie eine der engen Vertrauten des linken Wortführers in der Partei, Dirk Behrendt, ist. Behrendt drängte die Fraktion im Abgeordnetenhaus vor fünf Jahren an den Rand einer Spaltung, als er offen gegen den damaligen Fraktionschef Volker Ratzmann rebellierte. Viele haben das Treiben des linken Parteiflügels bis heute nicht vergessen und stehen den Protagonisten von damals skeptisch gegenüber.

Ströbele fordert eine Rückbesinnung der Grünen

Hans-Christian Ströbele, der selbst dem linken Flügel angehört, hatte sich als gewählter Direktkandidat stets aus dem Flügelstreit herausgehalten. In seiner Rede zum Abschied aus dem Bundestag hat er den Grünen in Friedrichshain-Kreuzberg ein knappes Vermächtnis hinterlassen: Von Kreuzberg aus müssten gesellschaftliche Konzepte entwickelt werden, um die Welt vor den gegenwärtigen antidemokratischen Strömungen zu bewahren. „Sonst werden wir verlieren“, sagte Ströbele.

Ströbele warf den Politikern der etablierten Parteien vor – dabei schloss er die eigene Partei ausdrücklich mit ein – kaum noch unangenehme Wahrheiten mehr anzusprechen. Niemand habe eine Lösung für die weltweite Flüchtlingsfrage und auch gegen die soziale Spaltung der Gesellschaft gebe es derzeit keine Rezepte. „Wer gibt in dieser desolaten Lage die richtigen Antworten?“, fragte Hans-Christian Ströbele und beantwortete sie selbst: Die Grünen müssten sich wieder mehr ihrer linken Wurzeln besinnen, um glaubwürdig zu bleiben.

Die Kür der Bundestagskandidatin war eine merkwürdig emotionslose Veranstaltung in Friedrichshain-Kreuzberg. Ströbele wurde warmherzig aber nicht überbordend verabschiedet, Bayram als Nachfolgerin ebenso sachlich begrüßt.

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