Kreuzberg

#Kreuzberg  "Ich weiß nicht, warum diese Anschläge stattfinden"

Das sagt die "Vertikal"-Betreiberin nach dem Angriff

Do, 02.03.2017, 13.49 Uhr
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Das Restaurant "Vertikal" ist Ziel von Attacken durch Gentrifizierungsgegner. Es kommt zu Gewalt, Beleidigungen und Drohungen.

Sie kamen schnell, waren dunkel gekleidet und maskiert. „Ein Mitarbeiter hat mich gegen 23 Uhr angerufen und mit zitternder Stimme erzählt was geschehen ist“, sagt die Betreiberin des Cafés "Vertikal", Claire D'Orsay. Ein Mob von mehr als 15 Personen zerstörte in der Nacht von Mittwoch zu Donnerstag mehrere Scheiben ihres Lokals an der Reichenberger Straße in Kreuzberg.

Elf Scheiben schlugen die Täter mit Gegenständen ein. Anschließend flüchteten die Vermummten auf Fahrrädern in Richtung Ratiborstraße. Zum Zeitpunkt des Anschlags befanden sich noch drei Angestellte in dem Lokal, die jedoch nicht verletzt wurden.

„Die Angreifer waren mit einer Art Eispickel bewaffnet“, berichtet Claire D'Orsay. Sie seien von einer Scheibe zur anderen gelaufen und hätten in Augenhöhe gegen die großen Glasscheiben geschlagen. Dem Kollegen habe sie am Donnerstag frei gegeben. „Er muss sich erst einmal erholen und sammeln“, sagt D'Orsay.

Auf einer linksextremen Internetseite haben die Täter ein Bekennerschreiben veröffentlicht. "Ihr seid schockiert über diese aktion, aber es trifft die richtigen", heißt es dort unter anderem. Die Aktion stünde im Kontext "der Organisierung des Stadtteils gegen diese Verdrängungspolitik".

„Es kann nicht sein, dass Leute angegriffen werden und persönlich bedroht werden“, sagte die Grüne Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann der Berliner Morgenpost. Das sei nicht der Kampf gegen Gentrifizierung. „Das ist ein absolutes No-go“, so Herrmann weiter. Sie habe nahezu täglich mit Gentrifizierung zu tun, wenn etwa kleine Läden oder Kindergärten schließen müssen oder verdrängt werden. „Im Kiez muss Platz für alle sein“, sagt Herrmann.

Es ist nicht die erste Attacke

Der nächtliche Überfall ist nicht der erste, den die aus den USA stammende Gastronomin in Kreuzberg erlebt hat. Vor wenigen Tagen hatten unbekannte Täter ihre Jalousien mit Bauschaum verklebt.

Auch Graffiti-Attacken seien an der Tagesordnung. Zuletzt wurde "Auslander Bonzen raus!!" (Fehler im Original") an die Fassade geschmiert, wie ein Foto zeigt. "Ist das Multi-Kulti Berlin?! Hier wird keinem Investor geschadet, sondern einem Team von jungen Leuten aus ganzer Welt", schrieb sie vor kurzem auf ihrer Facebook-Seite.

Direkt neben dem „Vertikal“ liegt die Bäckerei „Filou“, deren Mietvertrag im Juli ausläuft. Viele in Kreuzberg geben Läden wie dem „Vertikal“ eine Mitschuld an der „Verdrängung“ angestammter Läden. Eine Anwohnerinitiative kämpft für den Erhalt der Bäckerei. Die Polizei geht davon aus, dass der Anschlag von Gentrifizierungsgegnern verübt wurde. In der Nähe wurden Flyer mit einem Demo-Aufruf gefunden.

Die Anti-Gentrifizierungsszene setzt sich aus Aktivisten verschiedenster politischer Couleur zusammen. Das wird deutlich daran, das im eigentlich linken Kreuzberg auch ausländerfeindliche Schriftzüge auf den Fassaden missliebiger Gebäude landen können, während auf den Demonstrationen linke Parolen dominieren.

„Ich finde keine Antwort darauf, warum diese Anschläge stattfinden“, sagt sie. Sie habe hier niemanden verdrängt, niemanden eine Arbeit weggenommen. Im Gegenteil. Sie hat elf Arbeitsplätze geschaffen, alle Beschäftigten wohnen im Kiez und kommen aus den unterschiedlichsten Ländern. „Ich habe Nine Eleven überstanden und ich werde mich auch auf diese Art und Weise nicht von hier verdrängen lassen“, sagt sie.

Auch körperlichen Angriffen ist sie ausgesetzt

Aus Liebe zu ihrer Partnerin hat sie vor mehr als sieben Jahren ihre Heimat verlassen. „Gleichgeschlechtliche Ehen haben in den Staaten nicht den selben Stellenwert wie in Deutschland“, sagt die studierte Kinder -und Jugendpsychologin. Ihre Lebenspartnerin Nadine D'Orsay stammt aus Berlin und hatte in den Vereinigten Staaten studiert.

Bereits am vergangenen Sonntag hatte sie eine körperliche Attacke erlebt. Ein Mann hatte versucht, sie auf der Straße umzuschubsen. Die Situation sei für sie beängstigend gewesen. Zum Glück habe sich die Sache nicht weiter zugespitzt. „Die kaputten Scheiben werden wir in ein Kunstwerk integrieren. Vielleicht hilft das den Menschen hier im Kiez gegenseitigen Respekt aufzubauen“, sagt sie weiter.

Wie aufgeheizt die Stimmung ist, zeigt sich am Donnerstag kurz vor dem Gespräch mit der Berliner Morgenpost. Die Geschäftsfrau wird vor ihrem Café angepöbelt. Ein etwa 30 Jahre alter Mann sieht die Aufschrift „Bonzen raus“ (das "Auslander" ist mittlerweile überstrichen worden) auf der Fassade und wirft der Frau die Worte entgegen: „Das hast Du selber aufgesprüht“.

Linksradikale Szene zündet Autos an

Die linksradikale Szene versucht derzeit wieder besonders über das Thema steigender Mieten und Veränderung der Stadt Widerstand zu mobilisieren. Am Dienstagabend wurden in Kreuzberg sechs Autos einer Wachfirma angezündet. In der Rigaer Straße in Friedrichshain, nahe einem früher besetzten Haus, demolierten Randalierer kürzlich 21 Autos in einer Tiefgarage eines Neubaus.

Linksextreme G20-Gegner zünden in Berlin Autos an

Auf der linksradikalen Internetseite Linksunten Indymedia brüsten sich Täter mit Angriffen auf „Neonazi-Treffpunkte“, Steinwürfe auf neue Einrichtungen in Stadtteilen wie Kreuzberg und Brandanschlägen wie kürzlich auf eine Polizeiwache. Seit Jahrzehnten gibt es immer wieder Angriffe mit stinkender Buttersäure und dem Zerschlagen von Scheiben gegen neue und teure Restaurants gerade in Kreuzberg.

Der FDP-Innenpolitiker Marcel Luthe kritisierte: „Seit mindestens zehn Jahren brennen Autos in Berlin und werden Menschen von linksfaschistischen Banden terrorisiert und angegriffen.“ Er forderte kürzlich eine „gut ausgestattete Taskforce gegen Linksterrorismus und eine klare personelle Stärkung des Berliner Verfassungsschutzes“. Die Politik des Zurückweichens des Rechtsstaats vor diesen „Banden“ müsse beendet werden. (mit dpa)

Als Reaktion auf die ständigen Angriffe haben Aktivisten am Mittwoch ein Statement veröffentlicht:

"Leider kam es in unserer Nachbarschaft zu rechten Schmierereien und einem fremdenfeindlich motivierten Angriff. Der Protest der Nachbarschaft für das Café Filou und gegen den verdrängenden Vermieter hat keine gemeinsame Basis mit derartigen Übergriffen! Wir stehen für das genaue Gegenteil: für nachbarschaftliches Miteinander und Solidarität. Unser Protest ist gewaltfrei und wir lehnen jede Form von menschenverachtendem Verhalten ab. Wir bieten rassistischen Inhalten keine Bühne und verurteilen alle derartigen Äußerungen und Handlungen. Wir dulden weder fremdenfeindlich motivierte Schmierereien, noch Sachbeschädigungen oder Angriffe. Wer so etwas macht, ist nicht Teil der solidarischen Nachbarschaften und kann mit keinerlei Rückhalt aus unseren Reihen rechnen. Solche Taten sind nicht Teil unserer politischen Praxis und sie schaden nicht zuletzt auch unserem Protest und unseren Zielen.

Bizim Kiez – Unser Kiez, Zum Erhalt der Nachbarschaft im Wrangelkiez
GloReiche Nachbarschaft
Café Filou, Familie Wagner/Spülbeck"

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