Kreuzberg

#Kreuzberg  Protest gegen Schließung des "Filou" trifft auch Nachbarin

Die Inhaberin des Restaurants „Vertikal“, Claire D'Orsay
Die Inhaberin des Restaurants „Vertikal“, Claire D'Orsay
Foto: Marion / Marion Hunger
Die Kreuzberger Bäckerei "Filou" soll schließen. Der Ärger der Anwohner im Kiez trifft auch das Restaurant nebenan, das "Vertikal".

Das Café „Filou“ und das Restaurant „Vertikal“ liegen Tür an Tür in der Reichenberger Straße. Doch zwischen dem bodenständigen Backwaren-Laden, den Daniel Spülbeck mit seiner Frau schon seit nahezu 16 Jahren führt, und dem schicken Restaurant auf der anderen Seite, in einem Neubau, das Inhaberin Claire D’Orsay im Dezember hier eröffnet hat, liegen Welten, so scheint es.

Für beide lief es schon einmal besser. Spülbeck hat Anfang Dezember vom Gebäude-Eigentümer Charles Skinner einen Brief mit der Nachricht bekommen, dass sein Mietvertrag nicht verlängert wird. Dieser läuft im Juli aus. Der dreifache Vater sieht sich in seiner Existenz bedroht.

D’Orsay, die ebenfalls von Skinner mietet, versucht gerade, sich ihre Existenz aufzubauen. Was es mühsam macht: Ihr Laden gilt vielen Gentrifizierungsgegnern als Beispiel für die „Hipster-Schickeria“ , die Läden wie das „Filou“ verdrängt. D’Orsay bekommt seit Ende Januar täglich Beschimpfungen auf ihrem privaten Facebook-Account. Fast jeden Tag wird auf ihre Scheibe gespuckt. Anfang Februar verklebten Unbekannte ihre Jalousien mit Bauschaum.

Anwohnerinitiative im Kiez

D’Orsay sagt: „Ich verstehe den Protest gegen Gentrifizierung. Ich komme aus Brooklyn. Ich weiß, was das bedeutet. Aber für die mögliche Schließung der Bäckerei kann ich nichts.“ Sie sei zu einem Kieztreffen Ende Januar gegangen und habe versucht, diesen Standpunkt dort zu vermitteln. Vergebens. Der diffuse Hass und Graffiti wie „Investorenträume platzen lassen“ auf ihren Jalousien zehren an ihr.

Spülbeck sagt: „Ich weiß nicht, wovon wir ab Juli leben sollen.“ Er fühlt sich vom Eigentümer Skinner hintergangen. Als der Neubau, in dem D’Orsay ihr Restaurant betreibt, gebaut wurde, sei die Bäckerei hinter Bauzäunen versteckt gewesen. „Kaum waren die Bauarbeiten vorbei, hieß es, mein Vertrag wird nicht verlängert“, sagt er.

Im Kiez hat sich eine Anwohnerinitiative formiert, die für den Erhalt der Bäckerei kämpft. Viele sehen in der Schließung einen weiteren Schritt in Richtung Verdrängung im Viertel. „Wir wollen, dass die Vielfalt im Kiez erhalten bleibt. Was Skinner macht, ist Gentrifizierung um jeden Preis“, sagt der Künstler Felix Pestemer, der sich der Initiative angeschlossen hat. Auch in der Bezirksverordnetenversammlung hat sich eine Allianz aus CDU, Grünen und Linken formiert, die den Dialog zwischen Skinner und Spülbeck erneuern und die Bäckerei vor der Schließung bewahren möchte. „Für die älteren und oft auch einkommensschwachen Menschen im Kiez ist die Bäckerei eine wichtige Daseinsfürsorge“, sagt Timur Husein (CDU).

Nicht alles, was legal sei, sei aber richtig, sagen viele Anwohner. Was Skinner mit ihm und dem Kiez mache, sei verwerflich und falsch, sagt Spülbeck. Die Geschäftsbeziehung mit Spülbeck sei zerrüttet, sagt Skinner. Der Zweck heilige nicht die Mittel, sagt D’Orsay. Alle haben irgendwie ein bisschen recht. Am Sonnabend findet eine weitere Demonstration gegen Verdrängung im Kiez statt. D’Orsay und Spülbeck hoffen beide auf das Beste.

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