Kampf gegen Kriminalität

#Kreuzberg  Warum „Mr. Kottbusser Tor“ Kameras installieren würde

Sozialarbeiter Ercan Yasaroglu kennt den Brennpunkt Kottbusser Tor wie kaum ein anderer. Hier lebt und arbeitet er
Sozialarbeiter Ercan Yasaroglu kennt den Brennpunkt Kottbusser Tor wie kaum ein anderer. Hier lebt und arbeitet er
Foto: Reto Klar
Sozialarbeiter Ercan Yasaroglu kämpft im Kiez um das Kottbusser Tor seit Jahrzehnten gegen Gewalt und für Integration.

Überwachungskameras nicht nur in der U-Bahn und S-Bahn, sondern auch an öffentlichen Plätzen. Es ist ein Thema, das in Zeiten von Terror gegenwärtiger ist als je zuvor. Laut einer Forsa-Umfrage befürworten 80 Prozent der Berliner den Ausbau der Videoüberwachung. Zwischen den Polen Freiheit und Sicherheit haben sich die Bewohner der Hauptstadt in diesen Zeiten also sehr klar positioniert. So auch Innensenator Andreas Geisel (SPD), als er ankündigte, den Alexanderplatz und das Kottbusser Tor mit Videokameras aufzurüsten. Überwachung öffentlicher Plätze könnte in Berlin also bald Realität werden.

Ercan Yasaroglu, seit über 30 Jahren eine Instanz im kriminalitätsbelasteten Kiez um das Kottbusser Tor, befürwortet diesen Schritt. „Mir ist jedes Mittel recht, wenn es darum geht, den Gewalttätern und Intensivtätern, die hier auf Kosten aller Verbrechen begehen, die Stirn zu bieten. Denn wegen einiger weniger Ausnahmen werden ganze Bevölkerungsgruppen abgestempelt und die Stimmung rassistisch vergiftet“, sagt er.

Yasaroglu weiß, wovon er spricht. Im Kosmos um das Kottbusser Tor in Kreuzberg 36 grüßt ihn jeder: Die Drogerie-Kassiererin, der Gemüsehändler, der Obdachlose mit den dreckigen Dreadlocks, und natürlich seine Stammgäste, die in seinem „Café Kotti“ nachmittags schwarzen Tee und Kaffee trinken und abends dann Bier, Schnaps, Cocktails. Der 57-Jährige ist Sozialarbeiter, Barbetreiber, Respektsperson in einem der rotzigsten Kieze Berlins. Der sanfte Mann ist sozusagen Mr. Kotti: Der beste Beweis dafür, dass man nicht laut sein muss, um auf den Straßen rund um den 70er-Jahre-Plattenbaukoloss „Neues Kreuzberger Zentrum“ (NKZ) mit seinen 297 Wohnungen gehört zu werden.

So gefährlich ist es rund um das Kottbusser Tor wirklich

Und das, obwohl die Gegend alles ist, nur nicht zahm. Im Jahr 2016 gab es hier allein 126 Fälle von Raub, 668 Straftaten im Zusammenhang mit dem Betäubungsmittelgesetz und 814 Taschendiebstähle. Die Polizei war insgesamt 428-mal im Einsatz.

Multikulti wird zu seinem Lebensthema

Der Platz gilt bei vielen als eine No-go-Area oder rechtsfreier Raum. Ob das stimmt, darüber kann man streiten. Fest steht: Kuschelig ist es hier nicht.

Seit 1982, bald 35 Jahre also, lebt Yasaroglu schon im Umfeld des Kottbusser Tores, mittlerweile in einer Wohnung in dem Plattenbau in Weiß-Gelb, der den Platz dominiert. Yasaroglu kam als Flüchtling nach Deutschland, wohnte übergangsweise in besetzten Häusern in der Adalbertstraße, bis er dann hier sesshaft wurde und eine Familie gründete. „Ich bin ein bisschen blauäugig direkt in die linke Szene in Kreuzberg hineingestolpert. In den 80er-Jahre war es nicht vorgeschrieben, das Flüchtlinge zuerst in Heimen wohnen mussten. Damals kamen viele aus dem Iran, aus der Türkei, aus Sri Lanka“, sagt Yasaroglu.

Wenn man sich seine Biografie ansieht, ergibt es nachgerade sehr viel Sinn, dass Flucht, Integration und Multikulti zu seinen Lebensthemen werden sollten.

Yasaroglu kommt aus der Hafenstadt Ayvalik in der türkischen Provinz Balikesir. Eine Stadt an der Ägäis, in der Griechen, Armenier, Juden und Türken friedlich zusammenleben, ganz selbstverständlich.

Er wächst als ältester von fünf Geschwistern auf, die Mutter Hebamme, der Vater Taxifahrer. „Mein Vater hat mir beigebracht, was es bedeutet, ein Mann zu sein. Nicht in diesem Machosinn. Sondern dass man Verantwortung übernimmt, Schwächere nicht angreift, sondern sie verteidigt“, sagt er. Von seiner Mutter hat er Werte ihres sunnitischen Glaubens übernommen, ohne gläubig zu sein.

Yasaroglu ist in dem Bewusstsein groß geworden, dass man friedlich miteinander leben kann, auch wenn man unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften angehört. „Auch nationale Identität spielte bei uns keine so große Rolle. Wir kannten auch den Begriff Multikulti nicht, aber wir lebten ihn.“

Yasaroglu floh wie viele Regimegegner im Jahr 1980, als der dritte türkische Militärputsch seine Heimat erschütterte. Da war er 24. Seine Eltern und seine vier jüngeren Geschwister ließ er zurück. „Mein Vater war stolz auf mich, darauf, dass ich meinen Weg gehe“, sagt er.

Sein Weg nach Deutschland dauerte zwei Jahre und führte ihn unter anderem über ein neun Kilometer langes Minenfeld an der türkisch-syrischen Grenze. In Aleppo wurde er vorübergehend festgenommen und machte sich schließlich auf den Weg in den Libanon. Als dort der Krieg ausbrach, flog Yasaroglu mit einer Gruppe anderer geduldeter Immi­granten nach Berlin. „Man hat uns erst im Flieger gesagt, dass wir nach Schönefeld fliegen. Wir wussten überhaupt nicht, was uns erwartet“, sagt er.

Es sind diese Erfahrungen, die Yasaroglu einen besonders wachen Blick auf die Flüchtlingskrise gegeben haben, darauf, was passiert, wenn man Neuankömmling nicht integriert, sondern sie an Parallelgesellschaften verliert. Dagegen kämpft er jeden Tag. Oft ist es ein Kampf gegen Windmühlen. „Aber ich kann nicht anders“, sagt Yasaroglu. Es sei seine Pflicht als Bürger, seinen Kiez zu verbessern, nicht den Kriminellen zu überlassen und bei den Jungen genau hinzusehen, damit sie gar nicht erst straffällig werden. Deswegen ist er Sozialarbeiter. „Menschlichkeit lernt man nicht aus Büchern. Menschlichkeit lernt man auf der Straße“, sagt er noch, als er zum Abschied die Skalitzer Straße Richtung Kottbusser Damm kreuzt. Man nimmt es ihm ab.

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