Handwerk in Berlin

#Arbeitsmarkt  Berliner müssen wochenlang auf Handwerker warten

Geschäftsführerin Sabine Brunscheen und ihr Mitarbeiter Tim Meisel haben alle Hände voll zu tun
Geschäftsführerin Sabine Brunscheen und ihr Mitarbeiter Tim Meisel haben alle Hände voll zu tun
Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost
Berliner Fachbetriebe berichten von einem leergefegten Arbeitsmarkt. Wochenlange Wartezeiten drohen vor allem in Baubranchen.

Noch nie haben Berliner länger auf Handwerker warten müssen als jetzt. Mehr als neun Wochen sind normal. Das geht aus Statistiken der Handwerkskammer hervor, die der Berliner Morgenpost vorliegen. Demnach übertrifft die Auslastung der Betriebe auch die Bauboom-Jahre der Nachwendezeit.

Laut Kammer sind die Handwerksbetriebe in Berlin zu 88,4 Prozent ausgelastet. „Die Auftragsbücher sind im Schnitt 9,2 Wochen im Voraus gefüllt“, sagt Sprecher Daniel Jander. Das heißt: Wer heute einen Klempner bestellt, muss damit rechnen, dass der Auftrag unter Umständen erst im kommenden Jahr bearbeitet wird. Zum Vergleich: 1991 lag die Auslastung der Betriebe bei 76,1 Prozent und die Bücher waren 6,5 Wochen im Voraus bestückt. Chancen auf einen kurzfristigen Handwerkerbesuch haben allenfalls Notfallkunden.

Kommentar: In Berlin hat Handwerk wieder goldenen Boden

Betroffen von dem Boom sind laut Kammer vor allem die Bereiche Bau und Ausbau, Sanitär, Heizung, Klima und der Anlagenbau. Hier seien die Bücher besonders voll. Innungen berichten, dass sich Kunden an sie wenden, weil sie keine Fachbetriebe finden würden, die kleinere Aufträge annehmen.

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Berliner Betriebe erwarten weiteres Auftragsplus

Gegenwärtig sieht es nicht danach aus, dass die Lage sich in den kommenden Monaten ändert. 41 Prozent der Berliner Betriebe erwarten in den kommenden Monaten ein kräftiges Auftragsplus und damit noch längere Wartezeiten. Hinzu kommt ein weiteres Problem: Personalnot. Viele Unternehmen könnten mehr arbeiten, haben aber zu wenige Handwerker.

Der Sprecher des Zentralverbandes des deutschen Handwerks, Alexander Legowski, sagt, dass Wartezeiten von zehn Wochen in Baubranchen an der Tagesordnung sind. Lange Auftragsreichweiten gebe es auch in den Gesundheitshandwerken – etwa bei orthopädischen Schuhmachern. Hier werde der demografische Wandel spürbar. Durch die Alterung der Gesellschaft steige die Zahl der Kunden. Bei Hörgeräteakustikern sei zu beobachten, dass sie Gesellen in die Meisterschulen drängten, damit diese schneller neue Filialen eröffnen können.

Laut Kammer haben 90 Prozent der Betriebe ihren Personalstamm gehalten oder ausgebaut, fast jeder vierte Betrieb plant Einstellungen. „Doch der Arbeitsmarkt ist wie leer gefegt“, sagt Christiane Witek, Sprecherin der Baugewerks-Innung Berlin. Besonders hoch sei die Auslastung in den Bereichen Hoch- und Ausbau. Auch die Maler- und Elektro-Innungen berichten von vollen Auftragsbüchern.

Insgesamt hält der konjunkturelle Höhenflug im Berliner Handwerk an. Mit 123 Punkten hatte der Geschäftsklimaindex gegenüber dem Frühjahr 2016 um fünf Punkte im Herbst zugelegt und verpasste das Allzeithoch aus dem Herbst 1991 nur um einen Punkt. Noch nie zuvor liefen die Geschäfte für das Berliner Handwerk laut Kammer so glänzend. Fast die Hälfte der Betriebe berichten von einer guten Geschäftslage. Auch die Geschäftserwartungen im Handwerk waren bei der zurückliegenden Herbstumfrage die optimistischsten seit 25 Jahren.

„Bei Notfällen wie einem Rohrbruch müssen wir natürlich schnell reagieren. Das erwarten die Kunden. Aber bei anderen Arbeiten haben wir mehrere Wochen Wartezeiten.“ Das sagte Sabine Brunscheen, die Geschäftsführerin des Traditionssanitärbetriebs Georg Degen in Wannsee, der Berliner Morgenpost. Vier Wochen für eine neue Dusche seien normal. „Wenn ein Termin für das Aufmaß dazukommt und ein Angebot geschrieben werden muss, werden die Wartezeiten deutlich länger.“ Seit 110 Jahren installiert und wartet der Handwerksbetrieb Heizungen und Sanitäranlagen. „Wir haben uns auf Krankenhäuser spezialisiert“, sagt die Ingenieurin, die das Unternehmen seit 18 Jahren leitet.

„Der Arbeitsmarkt ist komplett leer gefegt“, sagt auch Brunscheen. Im Jahr 2015 konnte das Unternehmen überhaupt keine Azubis finden, aktuell ist eine Lehrstelle noch unbesetzt. Das ist bitter für ein Unternehmen, das gerade wegen seines Schwerpunkts Klinikbau auf Fachkräfte so dringend angewiesen ist. „Wir können nur Fachleute anstellen“, sagt Sabine Brunscheen. Denn die Anforderungen gerade im Krankenhausbau seien komplex.

Bei Kleinstaufträgen ist die Lage besonders dramatisch

Wartezeiten von neun Wochen sind an der Tagesordnung, wie Zahlen der Handwerkskammer zeigen. Betroffen von dem Boom sind demnach vor allem die Bereiche Bau- und Ausbau, Sanitär, Heizung, Klima und der Anlagenbau. Hier sind die Auftragsbücher besonders voll. Die einzelnen Handwerksinnungen berichten, dass sich auch immer wieder Kunden an sie richten, weil sie keine Fachbetriebe finden würden, die kleinere Aufträge annehmen.

Vor allem Privatkunden mit Kleinstaufträgen warten Monate auf einen Handwerker. Teilweise werden Aufträge sogar abgelehnt. Der Sprecher der Handwerkskammer Berlin, Daniel Jander, rät den Kunden deshalb: „Seien Sie nett zu Ihrem Handwerker, dann ist er auch nett zu Ihnen“. Von Vorteil sei auch, wenn man seinen persönlichen Handwerksbetrieb in der Nachbarschaft hat, Stammkunde ist und sich seit Jahren kennt. Dann stünden die Chancen gut, dass auch Kleinstaufträge zügig abgearbeitet werden.

Onlinevermittlungsportale für Handwerker wie my-hammer.de sind noch näher am Puls der Zeit als die Kammer, die sich in ihren Analysen auf offizielle Zahlen stützt. Die Internetplattform My-Hammer ist eine Art Branchenbuch wie die Gelben Seiten für Handwerker. Ferner können Auftraggeber dort Ausschreibungen einstellen. Unternehmenssprecher Daniel Dodt sagt dazu: „Ende November stehen vor allem Fachkräfte aus dem Sanitär-, Heizungs- und Klimabereich sowie Treppenbauer und Elektriker bei den Verbrauchern hoch im Kurs.“ So liegt der ermittelte Bedarf an Handwerksleistungen in diesem Bereich rund 15 Prozent über dem Durchschnitt des Gesamtjahres. Treppenbauer (+13,3 Prozent), Elektriker (+10,5 Prozent) und Maler (+9,3 Prozent) profitieren ebenfalls von einer überdurchschnittlich hohen Nachfrage auf der Onlineplattform.

Handwerksberufe werden wieder attraktiver

Die hohe Auslastung hat bei allem Ärger für den Verbraucher aber einen positiven Nebeneffekt: Die Attraktivität der Handwerksberufe steigt. Besonders Abiturienten interessieren sich für diese Möglichkeiten einer Ausbildung und benutzen die Lehre in einem Handwerksberuf nicht nur als Startrampe für eine anschließende universitäre Ausbildung. „Viele bleiben im Handwerk“, sagt der Sprecher des Zentralverbandes des deutschen Handwerks, Alexander Legowski. Besonders beliebt sei die duale Ausbildung geworden – etwa im brandenburgischen Berufskolleg, wo Absolventen neben dem Gesellenbrief den Bachelorabschluss einer Hochschule erwerben.

Die Branchen profitieren vom Bauboom: Wie das Amt für Statistik mitteilt, ist die Anzahl der genehmigten Neubauwohnungen in Berlin von Januar bis September 2016 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 21,8 Prozent auf 14.005 Wohnungen gestiegen. Die Zahl der Genehmigungen für geplante Wohnungen in Mehrfamilienhäusern hat sich um etwa ein Viertel erhöht.

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