Verwaltung in Berlin

Berlin Live  Pensionierungswelle trifft Berliner Bezirke besonders hart

Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen zeigt sich  zuversichtlich
Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen zeigt sich zuversichtlich
Foto: Massimo Rodari
In Marzahn-Hellersdorf geht bis 2024 fast jeder zweite Verwaltungsmitarbeiter in den Ruhestand.

In den kommenden sieben Jahren wird fast jeder dritte Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes in Berlin in den Ruhestand gehen. In den Senatsverwaltungen liegt der Anteil bei 28,5 Prozent, in den Bezirken sogar bei 35 Prozent. Einige Bereiche der Verwaltung sind besonders stark betroffen. So werden im Sektor Bildung, Kultur und Wissenschaft, zu dem insbesondere die Lehrer gehören, bis zum Ende des Jahres 2024 rund 12.000 Mitarbeiter altersbedingt ausscheiden. Im Sicherheitsbereich sind es 6300 Beschäftigte.

Prozentual betrachtet ist der Aderlass in den Bereichen „Bauen, Planen und Vermessen“ sowie „Jugend und Soziales“ am größten. Dort wechseln 45 beziehungsweise 40 Prozent der Beschäftigten in den Ruhestand. Die drohende Personalnot betrifft zum Beispiel die Baubehörden auf Landes- und Bezirksebene, die Sozial- und Jugendämter, Elterngeldstellen und die Familienkasse sowie Erzieherinnen.

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Die Zahl der Mitarbeiter, die in den Ruhestand wechseln, steigt kontinuierlich an

Insgesamt scheiden nach einer Prognose der Senatsfinanzverwaltung bis zum Ende des Jahres 2024 rund 31.300 Beschäftigte altersbedingt aus, dies entspricht knapp 30.000 Vollzeitstellen. Das geht aus einem aktuellen Bericht der Verwaltung an das Abgeordnetenhaus und dem Personalbedarfskonzept des Senats hervor.

Beide Berichte liegen der Berliner Morgenpost vor. Die Zahl der Mitarbeiter, die in den Ruhestand wechseln, steigt mit einer Ausnahme, dem Jahr 2020, kontinuierlich an. Allerdings erfolgt der Anstieg nicht linear. So ist vor allem im kommenden Jahr mit einem kräftigen Zuwachs auf 3810 Beschäftigte zu rechnen (2017: 3244). Von 2022 an sind es jeweils deutlich mehr als 4000 Beamte und Angestellte, die aus Altersgründen den öffentlichen Dienst verlassen.

Um die notwendigen Mitarbeiter zu gewinnen, will der Senat mehr ausbilden

Die Prognose basiert auf einem Durchschnittsalter von 64 Jahren. Nicht berücksichtigt sind Mitarbeiter, die aus gesundheitlichen Gründen ausscheiden, sowie Beschäftigte, die außerhalb der Berliner Verwaltung einen neuen Job antreten. Der künftige Personalbedarf schlägt sich aber nicht nur in der Neubesetzung frei werdender Stellen nieder, sondern speist sich auch aus zusätzlichem Bedarf wegen der wachsenden Stadt und politischer Zielsetzungen. Dieser Mehrbedarf lasse sich nicht bis 2024 verlässlich prognostizieren, erklärte die Finanzverwaltung.

Generell geht sie davon aus, dass pro Jahr zwischen 5000 und 6000 Neueinstellungen nötig sind. In dem Bericht an das Abgeordnetenhaus machen alle Verwaltungen deutlich, dass sie mehr Mitarbeiter brauchen. Die Innenverwaltung etwa nennt den Vollzugsdienst der Polizei sowie Landeskriminalamt und Verfassungsschutz, die wegen der Sicherheitslage Verstärkung benötigten. Im Bildungsbereich werden Neubau- und Sanierung von Schulen sowie der Ausbau des Kita- und Schulplatzangebotes angeführt.

Um die notwendigen Mitarbeiter zu gewinnen, will der Senat mehr ausbilden, Rekrutierungskonzepte für Mangelberufe entwickeln, verstärkt um Quereinsteiger werben, die Verwaltung auf Job- und Jugendmessen präsentieren und Besetzungsverfahren auf drei Monate verkürzen. In den Hochschulverträgen wurde die Zahl der Lehramtsabsolventen auf 2000 pro Jahr verdoppelt.

Personal in den Baubehörden des Landes und der Bezirke ist nötig

Berlin wächst, daher braucht die Stadt in den kommenden Jahren mehr als 40 neue Schulen. Hunderte von Schulgebäuden müssen zudem saniert, um- und ausgebaut werden. Dafür ist Personal in den Baubehörden des Landes und der Bezirke nötig, doch ausgerechnet dieser Bereich ist überdurchschnittlich davon betroffen, dass bis zum Jahresende 2024 mehr als 30.000 Beamte und Angestellte des öffentlichen Dienstes in den Ruhestand gehen. Das sind fast 30 Prozent aller Mitarbeiter, im Bereich „Planen, Bauen und Vermessen“ aber 45 Prozent, wie aus einem Bericht der für das Verwaltungspersonal zuständigen Finanzverwaltung hervorgeht.

Die altersbedingten Abgänge der Mitarbeiter im Schuldienst, also insbesondere der Lehrer, liegen mit knapp 30 Prozent im Durchschnitt, machen aber in absoluten Zahlen eine große Menge aus. Mehr als 11.000 Beschäftigte gehen bis 2024 in den Ruhestand, das sind rechnerisch 10.600 Vollzeitstellen. In der Schulaufsicht hingegen scheiden laut der Prognose der Finanzverwaltung in diesem Zeitraum 49 Prozent der Kollegen aus Altersgründen aus, im Volkshochschuldienst sogar 52 Prozent. Doch nicht nur die Altersabgänge müssen kompensiert werden, die wachsende Stadt sorgt für zusätzlichen Personalbedarf.

Auch bei Erzieherinnen und Erziehern müssen Tausende Stellen besetzt werden

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) verkennt die Herausforderung nicht und veranstaltet Berlin-Tage. „Wir werden in den kommenden Jahren jährlich rund 2000 Lehrkräfte einstellen. Dabei befindet sich Berlin in einem bundesweiten Konkurrenzkampf um voll ausgebildete Lehrer, sodass wir bei der Werbung für die Berliner Schulen nicht die Hände in den Schoß legen können,“ sagte Scheeres. Auch bei Erzieherinnen und Erziehern müssen Tausende Stellen besetzt werden.

Die Bezirksverwaltungen sind von der Pensionierungswelle härter betroffen als die Landesebene. Marzahn-Hellersdorf verliert bis Ende 2024 fast jeden zweiten Mitarbeiter (47 Prozent). Auch in Pankow und Friedrichshain-Kreuzberg gehen mit jeweils mehr als 37 Prozent überdurchschnittlich viele Beschäftigte in den Ruhestand. Besser stehen Tempelhof-Schöneberg (31,1 Prozent), Spandau (30,1) und vor allem Neukölln (27,3 Prozent) da.

Die Einstellungsverfahren ziehen sich bislang oft sechs bis acht Monate hin

Frank Becker, Landesvorsitzender des Beamtenbundes, sieht diese Entwicklung mit einiger Sorge. „Wir werden es schwer haben, wenn wir den öffentlichen Dienst nicht attraktiver machen“, sagte er der Berliner Morgenpost. Becker denkt dabei insbesondere an die Bezahlung, die etwa in Brandenburger und Bundesbehörden besser sei. Er begrüßte aber, dass der Senat das Problem erkannt hat und die Personalgewinnung intensivieren will – auch durch eine Verkürzung der Besetzungsverfahren und eine zeitgemäßere Ansprache junger Menschen. Becker sagte dafür dem Senat die Unterstützung des Beamtenbundes zu.

Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen (SPD) zeigt sich indes zuversichtlich. „Wir haben im letzten Jahr gezeigt, dass es möglich war, mehr als 7000 Mitarbeiter einzustellen“, sagte er der Berliner Morgenpost. Die Aufgabe sei nicht einfach. „Es kommt jetzt darauf an, dass wir aus den Aktivposten noch mehr machen und da, wo wir nicht so gut sind, besser werden“, so Kollatz-Ahnen. „Indem Berlin das Bewerbungsverfahren auf drei Monate beschleunigt, werden wir mehr Menschen davon überzeugen können, zu uns zu kommen.“ Die Einstellungsverfahren ziehen sich bislang oft sechs bis acht Monate hin.

Der FDP-Haushaltsexperte Florian Swyter kritisierte den aktuellen Bericht an das Abgeordnetenhaus. Dieser führe zwar aus, wo überall zusätzliche Mitarbeiter benötigt würden, nenne aber keine Zahlen oder zumindest Prognosen. Zudem biete er gegenüber dem bereits bekannten Personalbedarfskonzept keine neuen Erkenntnisse, wo Beschäftigte wegfallen. Swyter sprach von einer "lustlosen und auch noch unvollständigen Zusammenstellung".

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