Erste Trauungen

Berlin Live  „Ehe für alle“ ist da - Hochzeit nach vielen Hindernissen

Hochzeit mit Regenbogenfahne: Karl Kreile (2.v.l.) und Bodo Mende (3.v.l.) sagen zum zweiten Mal „ja“ auf dem Standesamt
Hochzeit mit Regenbogenfahne: Karl Kreile (2.v.l.) und Bodo Mende (3.v.l.) sagen zum zweiten Mal „ja“ auf dem Standesamt
Foto: Steffi Loos / Getty Images
Karl Kreile und Bodo Mende waren das erstes Paar in Deutschland auf dem Standesamt im Rathaus Schöneberg.

So sieht es also aus, wenn zwei Männer mit ihrer Liebe füreinander Geschichte schreiben: Sonntag, 9.30 Uhr, Rathaus Schöneberg. Kameras und Mikrofon-Angeln türmen sich um den dunklen Holztisch, rund hundert Gäste haben im Goldenen Saal Platz genommen, winden sich auf den olivgrünen Lederstühlen, um an den Journalisten vorbei einen Blick auf das Hochzeitspaar zu erhaschen: Karl Kreile, ein schmächtiger 59-Jähriger mit Dauergrinsen und akkurat getrimmten Henriquatre-Bart. Bodo Mende, 60, graue Stoppelfrisur und dem Ausdruck eines Mannes, der mit Stolz auf einen historischen Moment blickt.

Ab 1. Oktober steht im Grundgesetz: „Die Ehe wird von zwei Personen verschiedenen oder gleichen Geschlechts auf Lebenszeit geschlossen.“ Die Ehe für alle ist in Kraft. Mende und Kreile sind die ersten in Deutschland, die von ihrem Recht Gebrauch machen.

Beide tragen schlichte, graue Anzüge, Schnittchen und Sekt sind vorbereitet. Eine normale Hochzeit, so soll es aussehen. Das einzige im Raum, was irgendwie schrill und queer wirkt, ist die Regenbogenfahne auf dem Tisch des Standesbeamten. Der heißt Gordon Holland, und wusste bis vor zwei Tagen nicht, ob das Update der Standesamtssoftware auf die „Ehe für alle“ funktioniert. Jetzt fragt er das Hochzeitspaar: „Sind Sie eigentlich genauso aufgeregt wie ich?“

Die Ehe für alle ist ein längst überfälliges Gesetz

Eher entschlossen. „Die Zeit der jahrhundertelangen Diskriminierung Homosexueller geht jetzt zu Ende“, sagt Kreile einen Tag vor der Trauung. Und Mende: „Dass wir jetzt noch im hohen Alter heiraten, das ist ein bisschen absurd für heterosexuelle Verhältnisse.“

Kreile und Mende sind seit 38 Jahren ein Paar. Um sich klarzumachen, dass ihr Leben als Beamte in der Senatsverwaltung und als Allerweltspärchen im Schöneberger Regenbogenkiez keineswegs selbstverständlich ist, reicht ein Blick zurück auf die eigene Geschichte. Kreile wusste seit der Pubertät, dass er auf Männer steht. Aber aufgewachsen im katholischen Aschaffenburg, bei Eltern mit Geburstdaten aus den 1920er-Jahren, hat er sich lange nicht getraut, in die einzige Schwulenbar der Stadt zu gehen, hat aus Angst vor Verachtung als Hetero gelebt. Seinen Eltern zu sagen, dass er schwul ist, dazu hatte er nie den Mut.

Historische Eheschließung in Berlin

Die beiden kämpfen seit Jahrzehnten für Gleichstellung

Dann die große Befreiung: Berlin. Hier erzählte Kreile allen, dass er schwul ist, plötzlich konnte er einfach nur er sein. Im Sommer 1979 auf einem Treffen von Schwulen-Aktivisten lernt Kreile Mende kennen. Wenn die beiden davon erzählen, wie sie ein paar Tage später nach einer Party zusammen nach Hause gingen, dann springen sie sich gegenseitig ins Wort, wie alte Ehepaare das tun, Mende nennt Kreile „meinen Ollen“, der streichelt Mende über den Unterarm.

Beide kämpfen seit Jahrzehnten für die Gleichstellung Homo- und Trans­sexueller. Mende ist im Berliner Landesvorstand des Lesben- und Schwulenverbands in Deutschland. Sie waren 1992 bei der Aktion Standesamt dabei, als bundesweit etwa 250 homosexuelle Paare das Aufgebot beantragten – und abgewiesen wurden. Mende sagt: „Wir wurden auf das Sexuelle reduziert. Dass wir soziale Beziehungen haben, wurde tabuisiert. Darum ist unsere Generation geprägt von dem Wunsch, diesen Skandal beenden zu wollen.“

2001 dann ein erster Sieg. Die eingetragene Lebenspartnerschaft wurde eingeführt. Heute sagt Mende: „Das war immer noch ein anderes Rechtskonstrukt, eine Ehe zweiter Klasse.“ Aber ein Grund zum Feiern allemal. Damals, bei ihrer „ersten Hochzeit“ im Oktober 2002, da waren sie wirklich aufgeregt. Ein halbes Jahr Vorbereitungen, 300 Gäste im Wappensaal des Roten Rathauses. Abends dann eine schwule Hochzeit in Kreuzberg, mit allem was dazu gehört. Dresscode: Schwarz, rot oder Fetisch. Transenshow, schwule Cheerleader, Segensspruch mit schwarzem Dildo durch die „Schwestern der perpetuellen Indulgenz“. Sie wollten das queere Leben in allen Facetten feiern. „Es war perfekt“, sagt Mende heute.

Die Frage drängt sich auf: warum zwei Männer, die weder viel von Religion noch von Tradition halten, die kein Kind adoptieren wollen – dass eingetragene Lebenspartner das nicht dürfen, ist heute nahezu der einzige faktische Unterschied zur Ehe –, warum wollen diese zwei Männer unbedingt heiraten?

Es geht um die Symbolik. „Auch heute gibt es in Deutschland Homophobie, auch heute werden Lesben, Schwule oder Transen auf der Straße angefeindet“, sagt Kreile. Und Mende: „Jetzt haben wir eine Situation erreicht, wo wir das erste Mal sagen können: Wir sind gleichberechtigt. Und der Staat sagt damit denjenigen, die uns angreifen: Ihr habt unrecht.“

Dass diese Situation eintritt, erfuhren Mende und Kreile aus der Tagesschau. Dort hörten sie Ende Juni, dass Angela Merkel überraschend vom klaren Nein der CDU in der Frage der „Ehe für alle“ abrückt, jetzt von einer Gewissensentscheidung spricht. Die übrigen Fraktionen im Bundestag machten Druck, wenige Tage später stimmte das Parlament dafür.

Dass sie Deutschlands erstes homosexuelles Ehepaar sind, verdanken Mende und Kreile ihrem Wohnort. Der Bezirk Tempelhof-Schöneberg wollte seinem Ruf als queere Hochburg gerecht werden, öffnete ausnahmsweise auch am Sonntag seine Tore. So wie Friedrichshain-Kreuzberg. Acht Paare wollten sich dort das Ja-Wort geben. Unter ihnen der Grünen-Politiker Volker Beck. Weitere Trauungen homosexueller Paare gibt es ab der kommenden Woche in ganz Berlin. In Schöneberg haben sich für Oktober 50 Paare angemeldet.

43.000 Paare in eingetragenen Partnerschaften

In Deutschland lebten nach dem jüngsten Mikrozensus 2015 rund 43.000 Paare in eingetragenen Lebenspartnerschaften. In den Standesämtern sind nun zwar schon viele Anmeldungen für Umwandlungen auf den Ehestatus eingegangen. Laut einer dpa-Umfrage ist aber der erwartete Ansturm auf die deutschen Standesämter ausgeblieben.

Das mag auch an einem Fehler im System liegen. Denn das digitale Eheregister konnte noch nicht auf die „Ehe für alle“ umgestellt werden. Im Schöneberger Fall bedeutet das: Karl Kreile wird offiziell als Ehefrau von Bodo Mende geführt. Immerhin: auf der Eheurkunde ist nur von Ehegatten die Rede.

Als die abgestempelt ist, die Ja-Worte fast im Klick-Klick-Klick der Pressefotografen untergegangen sind und die frisch Vermählten Interviews für Journalisten vom ZDF, aus Österreich, Frankreich, Russland und Polen gegeben haben, legt sich irgendwann der Trubel. Zu feiern gibt es bald noch genug. Kreile wird 60. Am 19. Oktober dann der nächste Anlass. Am Sonntag haben die beiden nicht neu geheiratet, ihre Lebenspartnerschaft wurde zu einer Ehe umgewandelt. Offizielles Hochzeitsdatum ist der 19. Oktober 2002. Und so feiert das erste homosexuelle Ehepaar Deutschlands knapp drei Wochen nach ihrer Hochzeit den 15. Hochzeitstag.

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