Hertha BSC

Berlin Live  Die Rückkehr des Strategen Fabian Lustenberger

Fabian Lustenberger (l.) spielt seit über zehn Jahren für Hertha BSC
Fabian Lustenberger (l.) spielt seit über zehn Jahren für Hertha BSC
Foto: Thomas Frey / dpa
Der Schweizer Mittelfeldspieler war bei Hertha BSC eigentlich schon abgemeldet. In der Europa League ergreift er nun eine neue Chance.

Berlin.  Pal Dardai traut sich etwas für das Europa-League-Spiel gegen Östersunds FK an diesem Donnerstag (19 Uhr, Sky). Seinen besten Torjäger der Saison lässt Herthas Trainer zu Hause: Mathew Leckie (vier Treffer). Seinen besten Abwehrspieler auch: Karim Rekik. Sogar auf Linksverteidiger Marvin Plattenhardt, den einzigen, für den es im Kader keine echte Alternative gibt, verzichtet der Ungar. Sie alle werden geschont nach Wochen der doppelten Belastung. Dass er aber ohne Fabian Lustenberger gegen die aufmüpfigen Mittelschweden antreten wird, daran denkt Dardai keine Sekunde. „Wir wollen in Östersund gewinnen, und dafür brauche ich im Zentrum erfahrene Spieler wie ihn“, sagt der 41-Jährige.

Lustenberger wird in der Startelf stehen. Und das ist erstaunlich. Denn die Erfahrungen mit Pal Dardai sagen eigentlich, dass der Trainer die Dienste des Schweizers irgendwann immer weniger schätzte. Lustenberger war Kapitän, Dardai setzte ihn ab. Er war Stammspieler, Dardai schickte ihn auf die Bank. Wer weiß, was im Sommer gewesen wäre, hätte dem 29-Jährigen ein anderer guter Klub einen unterschriftsreifen Vertrag vorgelegt.

Gegen Östersund steht der 29-Jährige in der Startelf

Ein Profiteam ist kein geschlossenes System. Neue Spieler strömen hinein und alte am anderen Ende wieder hinaus. Wie ein Teich im Garten. Immer mal muss frisches Wasser rein und altes raus, wenn das ganze Biotop gesund bleiben soll. So jedenfalls stellt es sich Dardai vor. Und er kennt das Geschäft seit über 20 Jahren. Endgültig gespürt, dass er bei Hertha zunehmend zum alten Wasser gehört, hat Lustenberger in der Sommervorbereitung. Nie zuvor gab es so wenig Medienanfragen für den defensiven Mittelfeldspieler. Wenn über das Team für die neue Saison gesprochen wurde, tauchte er nirgends auf.

Lustenberger berührte das. „Ich war – vor allem als ich Kapitän war – ein gefragter Mann in den Medien. Plötzlich spielt man dann keine Rolle mehr“, sagt er. Der Bedeutungsverlust schmerzte ihn wie einen einst berühmter Schauspieler, der keine Angebote mehr bekommt. Manchmal ging Lustenberger frustriert nach Hause zu seiner Familie und hatte Mühe, die Unzufriedenheit vor der Tür zu lassen.

Nur sechs aktive Profis in der Liga sind länger bei ihren Klubs

Lustenberger ist einer der treuesten Spieler der Liga. Genau zehn Jahre, einen Monat und 18 Tage ist er bei Hertha – nur sechs aktuelle Profis weilen länger bei ihren Klubs. Aber er weiß, dass solche Zahlen allein keinen Wert haben im Verdrängungswettbewerb Bundesliga: „In den vergangenen zwei, drei Jahren habe ich gelernt, dass der Fußball schnell vergisst“, sagt Lustenberger. Er meint das nicht als Vorwurf, sondern als Feststellung. Genauso wie er irgendwann festgestellt hat, dass es doch noch ein zweites, verborgenes Gedächtnis des Fußballs gibt: „Ich bin etwas in den Hintergrund gerückt. Aber innerhalb der Mannschaft habe ich weiterhin eine gute Position. Das habe ich mir erarbeitet, und das ist wichtig für mich“, sagt er.

Das Schöne am Fußball ist ja, dass er sich ebenso schnell wieder erinnert, wie er vergisst. Ein Grund dafür, dass Lustenberger im Sommer nie ernsthaft über einen Wechsel nachgedacht hat, war Herthas bevorstehende Europa-League-Teilnahme. Er wusste, dass darin eine Chance für ihn liegt. Gegen Bilbao im ersten Gruppenspiel vor zwei Wochen (0:0) stand Lustenberger zum ersten Mal seit Mitte Februar in der Startelf. Er spielte gut als einer von zwei Sechsern.

Seither hat ihn Dardai, der ihn vorher noch keine Sekunde in der Saison auflaufen ließ, in jeder Partie eingesetzt. „Wenn Lusti fit ist, dann ist er mit seinem Fußballverstand und seiner Erfahrung ein sehr guter Sechser für uns. Zuletzt hat er gute Leistungen gezeigt“, sagt Dardai. Fit ist Lustenberger jetzt, weil er seit Beginn der Vorbereitung kein einziges Training mehr verletzungsbedingt verpasst hat wie in manchen Jahren zuvor. Der spielstarke, auch Torgefahr kreierende zentrale Mittelfeldspieler sei Lustenberger zwar nicht, sagt Dardai. „Aber er ist ein echter Stratege, und so einen haben wir sonst nicht im Kader.“

Die Karriere des Schweizers ähnelt der von Trainer Dardai

In Europa muss Herthas noch junges Team reif auftreten, und dazu braucht es eine reife Spielweise. Gespür für Spielsituationen, wohin der Ball vom Gegner kommt und wo er ihn dann hinspielen muss, das waren immer Lustenbergers Stärken. Gegen Hoffenheim neulich (1:1) wies seine Passquote 96 Prozent Genauigkeit auf. Es war sein 250. Pflichtspiel für Hertha.

Nach den letzten Partien gab es viel positives Feedback aus der Mannschaft für Lustenberger. Das hat ihm gut getan. Er sagt, auch er brauche Anerkennung. Nicht unbedingt die der Medien, aber die seiner Kollegen. Es ist ja auch nicht so, dass der Schweizer früher stets unumstritten gewesen wäre. Eigentlich fragte man sich vor fast jeder Saison, ob es diesmal eng für ihn würde. Dann spielte er doch wieder. Darin ähneln sich die beiden Karrieren von Dardai und Lustenberger, die noch zusammen auf dem Feld standen.

Es gibt Spieler, die transportieren einen Teil der Seele ihrer Klubs. Dardai war so einer in Berlin. Er wuchs mit Hertha von der Zweiten Liga in den 1990ern bis in die Champions League in den Nuller-Jahren und schrumpfte später mit dem Verein wieder zurück. Lustenberger ist heute ein solcher Seelentransporteur. Auf und ab ging es auch bei ihm immer irgendwie – genau wie bei Hertha in den letzten Jahren.

Fabian Lustenberger sagt, das Wichtigste, was er in seinen zehn Jahren in Berlin gelernt habe, sei Geduld, wenn es mal nicht so läuft. Vielleicht zahlt sich das jetzt gerade aus.

Kommentare einblenden
Maischberger

#Medien  #Bundestagswahl  Klaus von Dohnanyi: „Martin Schulz sollte zurücktreten“

Die Gäste der Maischberger-Sendung am Mittwoch (von links): Renate Künast (Grüne), Klaus von Dohnanyi (SPD), Giovanni di Lorenzo („Die Zeit“), Frauke Petry (noch AfD) und Gregor Gysi (Die Linke).
Die Gäste der Maischberger-Sendung am Mittwoch (von links): Renate Künast (Grüne), Klaus von Dohnanyi (SPD), Giovanni di Lorenzo („Die Zeit“), Frauke Petry (noch AfD) und Gregor Gysi (Die Linke).
Foto: ARD / ZRB
Eigentlich sollte es bei Maischberger um die Zukunft der sogenannten Volksparteien gehen. Doch dann wurde über die AfD gestritten.
Mehr lesen