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Berlin Live  Wie Berliner Unternehmen ihr Personal finden

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Fachkräftemangel in Unternehmen und Ausbildung. In Berlin spitzt sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt zu. Serie, Teil 2.

Im Nieselregen steht Christopher Heun in einem Graben und legt einen neuen Abwasserkanal. Neben ihm dreht sich ein Bagger, manchmal hupen Autofahrer, weil sie an der Baustelle in der Stettiner Straße in Mitte nicht schnell genug vorankommen. Der 20-jährige Heun ist Auszubildender im zweiten Jahr bei der Tiefbaufirma Frisch & Faust. Zuvor hatte er eine Ausbildung als Kfz-Mechatroniker abgebrochen. Jetzt ist er mit seiner Ausbildung glücklich: „Jede Baustelle sieht anders aus, überall gibt es neue Herausforderungen und auch immer wieder neue Kollegen. Ich liebe die Abwechslung“, sagt Christopher Heun.

Die Frisch & Faust Tiefbau GmbH ist eine Ausnahmeerscheinung in Sachen Ausbildung in Berlin. In diesem Lehrjahr haben in dem Betrieb mit 140 Mitarbeitern 18 Azubis begonnen. „Der absolute Höchststand“, sagt der Ausbildungsleiter Dieter Mießen. Doch auch in den Vorjahren war die Firma mit zehn bis zwölf neuen Lehrlingen im Jahr berlinweit ein Spitzenreiter.

In kaum einem anderen Bundesland ist die Ausbildung ein so drängendes Problem wie in Berlin: Nach einer Anfang August veröffentlichten Statistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) kommen nirgendwo in Deutschland so viele Bewerber auf einen Ausbildungsplatz wie in der Hauptstadt. Laut Statistik bewarben sich auf die gut 15.000 Lehrstellen in Berlin bis Ende Juli mehr als 18.300 Interessenten. Die Quote der arbeitslosen Jugendlichen unter 25 Jahren lag in Berlin im August bei 10,7 Prozent, nur in Mecklenburg-Vorpommern war der Anteil mit 11,3 Prozent noch höher. Dabei werden qualifizierte Fachkräfte auch in Berlin dringend benötigt.

Arbeitssenatorin drohte mit einer Ausbildungsabgabe

Wirtschaft und Politik schieben sich gegenseitig die Schuld für diese dramatische Lage zu: Kurz vor Beginn des neuen Ausbildungsjahres hatte die Arbeitssenatorin für Integration und Arbeit, Elke Breitenbach (Linke) noch scharfe Worte an die Unternehmen gerichtet: „Berlin ist eine wachsende Stadt, in der auch die Beschäftigung steigt. Allerdings spiegelt sich das nicht am Ausbildungsmarkt wieder“, sagte Breitenbach. Aktuell gebe es für 6264 unversorgte Bewerber nur 4606 offene Ausbildungsplätze. Wenn Unternehmen nicht mehr ausbilden, seien auch die Klagen über fehlende Fachkräfte nicht nachvollziehbar. Die Arbeitssenatorin drohte sogar damit eine Ausbildungsabgabe einzuführen, wenn Betriebe keine oder zu wenige Auszubildende beschäftigen.

Die Antwort der Unternehmen kam prompt: Fehlende Lehrstellen würden nur auf dem Papier existieren, mehr als 4600 Ausbildungsplätze könnten nicht besetzt werden, hieß es von der Industrie- und Handelskammer Berlin (IHK). Weitere 4636 Plätze seien in Brandenburg noch frei. Zur Last-minute-Börse würden alle unversorgten Jugendlichen angeschrieben, doch 86 Prozent würden sich entziehen. In jedem dritten IHK-Unternehmen könnten Ausbildungsplätze nicht besetzt werden, weil geeignete Bewerber fehlen. Viele Schulabgänger würden einfach nicht die nötigen Voraussetzungen mitbringen.

Jugendlichen fehlt oft die Vorstellung von den Berufen

Dieter Mießen ist dennoch überzeugt, dass viele Betriebe mehr Engagement bei der Ausbildung aufbringen könnten. „Wir dürfen nicht warten bis die Bewerber zu uns kommen, sondern müssen dorthin gehen, wo die Jugendlichen sind“, sagt Mießen. Auf Berliner Ausbildungsmessen sei seine Firma oft die einzige aus der Baubranche, dabei ist der Bedarf an Fachkräften gerade in diesem Bereich besonders hoch.

Viele würden diesen Weg scheuen. Mießen nicht, für ihn ist das Thema Ausbildung eher „Berufung“ als Beruf, sagt er. Auf 40 Terminen im Jahr würde er um Nachwuchs werben, in Schulen oder auf Messen. Im November lädt die Firma wieder zum Baustellentag. Vor Ort zeigen Auszubildende den Jugendlichen, wie die Arbeit etwa eines Tiefbaufacharbeiters oder eines Straßenbauers aussieht. „Es wäre schön, wenn sich auch andere Baufirmen daran beteiligen würden“, sagt Mießen. Doch bisher hätten alle angesprochenen Firmen abgelehnt.

Kfz-Mechatroniker gehört zu den beliebtesten Ausbildungsberufen

Dabei ist die eigene Anschauung wichtig, denn von den meisten Ausbildungsberufen haben die Jugendlichen keine Vorstellung. Auch Christopher Heun wäre nie auf die Idee gekommen, sich als Tiefbaufacharbeiter zu bewerben, wenn er die Firma nicht auf einer Messe kennengelernt hätte, sagt er. Immerhin hatte er an der Sekundarschule Erfahrungen mit verschiedenen Berufen machen können. Er besuchte eine sogenannte Praxisklasse: Die Schüler lernen drei Tage pro Woche in verschiedenen Betrieben außerhalb der Schule und zwei Tage pro Woche in der Schule. „Mir fällt das Lernen in der Praxis leichter, ich bin nicht so der theoretische Typ“, sagt Christopher Heun. Auf diese Weise habe er schon früh verschiedene Berufe ausprobieren können und festgestellt, dass ihm vor allem das Handwerk besonders liegt. Kfz-Mechatroniker war da naheliegend. Der Beruf gehört unter den Jungen zu den beliebtesten Ausbildungsberufen. Doch häufig liegt das auch daran, dass andere Berufe weniger bekannt sind.

Mießen ist überzeugt, dass auch viele Schulen mehr bei der Berufsorientierung tun könnten. Häufig gebe es die Kooperationen mit den Betrieben nur auf dem Papier. Für Mießen ist die Ausbildung auch ein gesellschaftlicher Auftrag: „Die jungen Menschen sollen erfahren, wie es ist, mit den eigenen Händen etwas zu schaffen und ihr eigenes Geld zu verdienen“, sagt er. Einige Jugendliche würden aus Familien kommen, die schon seit Generationen von Transferleistungen leben. Frisch & Faust gebe auch jenen eine Chance, die als schwer vermittelbar gelten. Manchmal sei es schon erschreckend, wenn die Bewerber im Vorstellungsgespräch nicht einmal zehn mal zehn rechnen können. Mießen bleibt trotzdem hartnäckig: „Wir können uns die Jugendlichen ja nicht so backen, wie wir sie uns wünschen.“ Im Ausbildungsvertrag würden sie dann allerdings verpflichtet, auch Nachhilfeangebote wahrzunehmen, die vom Arbeitsamt oder von einem Bildungsträger ehrenamtlich organisiert werden.

Dafür liegt die Abbrecherquote mit zehn bis 15 Prozent bei Frisch & Faust weit unter dem Berliner Durchschnitt. Berlinweit beenden knapp 40 Prozent der Auszubildenden ihren Vertrag vorzeitig, bundesweit brechen etwa ein Viertel der Azubis ab. „Es wäre sicher hilfreich für viele Betriebe, wenn es hierbei mehr Unterstützung vom Land gebe, etwa durch zusätzliche Qualifizierungskurse“, sagt Mießen.

Und das sagen die Parteien dazu:

CDU Die CDU will Bildung, Ausbildung und Weiterbildung stärken, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Junge Menschen ohne Schulabschluss sollen, wenn nötig, nachqualifiziert werden. Und Jugendlichen, deren Eltern langzeitarbeitslos sind, soll der Weg in eine Ausbildung oder in Arbeit erleichtert werden. Wie alle größeren Parteien will die CDU die duale Ausbildung in Betrieb und Schule stärken. Zudem soll ein Modell der „Höheren Berufsbildung“ für aufstiegsorientierte Jugendliche etabliert werden. Für bessere Bildungsergebnisse soll ein Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule sorgen.

SPD Die SPD will mit einem Berufsschulpakt die Ausstattung der Berufsschulen verbessern. Der Bund soll die Länder beispielsweise bei der Modernisierung der Schulen stärker unterstützen. Dafür soll das Kooperationsverbot für Bund und Länder abgeschafft werden. Alle Azubis sollen eine Mindestvergütung erhalten und das Bafög soll erhöht werden. Auch die SPD will einen Rechtsanspruch auf Betreuung in der Grundschule. Bildung soll komplett gebührenfrei sein, von der Kita bis zum Master oder Meister. Verbessert werden soll die Berufsorientierung und die Begleitung beim Übergang von der Schule zur Ausbildung.

Linke Die Linke will einen Rechtsanspruch auf eine gebührenfreie Ausbildung mit einer Mindestvergütung für alle. Gleichzeitig sollen Bedingungen und Qualität der Ausbildung verbessert werden. Mit einer solidarischen Umlagenfinanzierung sollen alle Betriebe an den Kosten der Ausbildung beteiligt werden. Auch die Linke will mit einem Berufsschulpakt die Ausstattung der beruflichen Schulen verbessern und das Kooperationsverbot in der Bildung aufheben. Standards in der Bildung sollen bundesweit vergleichbar sein. Die Linke setzt sich zudem für ein längeres gemeinsames Lernen in Gemeinschaftsschulen ein.

Grüne:Die Grünen wollen eine Ausbildungsgarantie für alle Schulabgänger. Jeder Jugendliche soll bis zum 30. September eines Jahres verbindliche Angebote für einen Ausbildungsplatz erhalten. Gelingt der Wechsel in einen Betrieb nicht, soll es eine Ausbildung in überbetrieblichen Ausbildungsstätten geben. Das Schulgeld an Berufsschulen in freier Trägerschaft soll abgeschafft werden. Zudem soll es eine Mindestausbildungsvergütung geben, Ausbildungsbeihilfen sollen erhöht werden. Um alle Schulen fit für die Zukunft zu machen, wollen die Grünen in den kommenden fünf Jahren zehn Milliarden Euro investieren.

AfD Die AfD will die duale Ausbildung in Unternehmen und Berufsschule unterstützen und deren Wert stärker würdigen. Die Bildungsstandards sollen bundesweit vereinheitlicht werden und sich an dem jeweils höchsten Niveau in Deutschland ausrichten. Das mehrglied­rige Schulsystem soll erhalten bleiben, damit die Leistungsunterschiede innerhalb einer Schulform begrenzt bleiben. Auch die Förder- und Sonderschulen für förderbedürftige Schüler sollen erhalten bleiben. Die AfD fordert die Abkehr von der Kompetenzorientierung und die Rückkehr zur Vermittlung des Fachwissens als zentrales Anliegen der Schule.

FDP Auch die FDP will die duale Ausbildung aufwerten und ausweiten. Sie setzt sich für eine „Exzellenzinitiative für die berufliche Bildung“ ein, ähnlich wie bei den Hochschulen. Die digitale Bildung soll auch in den Berufsschulen eine stärkere Rolle spielen. Zwischen Berufsausbildung und Studium soll es mehr Durchlässigkeit geben. Die FDP setzt sich für einheitliche Bildungsstandards und vergleichbare Abschlussprüfungen in Deutschland ein. Die Freien Demokraten wollen die Bildungsausgaben deutlich erhöhen und alle Bildungseinrichtungen künftig über Bildungsgutscheine für jedes einzelne Kind finanzieren.

Alle Beiträge zur Wahl unter:
www.morgenpost/politik/bundestagswahl

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