Integration

Berlin Live  Wie geflüchtete Kinder den Sprung in die Schule schaffen

Klassenlehrerin Antje Michel mit Roman (r.) und Fahed (l.)
Klassenlehrerin Antje Michel mit Roman (r.) und Fahed (l.)
Foto: Massimo Rodari
Kriegstraumata und holprige Sprachkenntnisse: Auch nach der Willkommensklasse brauchen die geflüchteten Kinder Unterstützung.

Kim und Adil begutachten mit gerunzelter Stirn das Experiment auf ihrem Tisch. Auf einer gespannten Schnur sollen die Schüler Gegenstände balancieren. Die Jungs verhandeln. Kim kommt aus China, Adil aus Syrien. Deutsch lernen beide erst seit Kurzem. Angefreundet haben sie sich mit Händen und Füßen. Die Willkommensklasse, die ihnen an der Schinkel-Grundschule in Charlottenburg einen Alltag schafft, ist aber keine Langzeitlösung. Wenn die Schüler die Grundlagen in der deutschen Sprache gelernt haben, wechseln sie in den Regelunterricht.

In diesem Schuljahr gibt es in Berlin 1051 Willkommensklassen mit 12.524 Schülern, die von 1168 Lehrkräften unterrichtet werden. Schwerpunkt im neuen Schuljahr wird nach Angaben der Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) der Übergang der Flüchtlingskinder von den Willkommensklassen in die Regelklassen sein. Im September werden 141 dieser Willkommensklassen aufgelöst, 1714 Schüler wechseln in den normalen Unterricht. Knapp 5000 Schüler, die ehemals eine Willkommensklasse besucht haben, wurden im vergangenen Schuljahr bereits in Regelklassen unterrichtet. Im Laufe des Jahres werden weitere hinzukommen. Doch werden sie in den größeren Klassen die Unterstützung erhalten, die sie benötigen?

Kim und Adil bleiben noch eine Weile in der Willkommensklasse

Kim und Adil haben in der Willkommensklasse zwölf Mitschüler – aus China, der Ukraine, Afghanistan, Rumänien, Venezuela und Syrien – alle sind zwischen sieben und zehn Jahren alt. Zwei weitere Willkommensklassen an der Schule mit maximal 14 Schülern sind für ältere Schüler. Mit dem neuen Schuljahr wechseln insgesamt 24 Schüler der Schinkel-Grundschule in eine Regelklasse, 20 haben es bereits während des vergangenen Schuljahres geschafft.

Kim und Adil bleiben noch eine Weile in der Willkommensklasse. Mit der deutschen Sprache haben sie noch Probleme. Für die zwei Mädchen am Nachbartisch geht es ab September in die dritte Klasse. „Die Kinder werden zusätzliche, klassenübergreifende Förderstunden für Deutsch als Zweitsprache erhalten und, wo es erforderlich ist, an entsprechendem Förderunterricht teilnehmen“, erklärt Kathleen Weber, Schulleiterin der Schinkel-Grundschule. Dieser Förderunterricht wird im Nachmittagsbereich, parallel zum Fachunterricht oder im Wahlpflichtbereich, verankert.

Wie gut Kinder in dem neuen Umfeld integriert werden können, hängt vor allem vom Engagement der Lehrer ab. Die Bildungsverwaltung bietet im neuen Schuljahr dazu eine Fortbildungsreihe für Lehrer „Willkommen in der Regelklasse“.

Willkommenslehrer bleiben weiter an den Schulen

Zudem wurden 280 Deutschlehrer der Willkommensklassen unbefristet an den jeweiligen Schulen als Quereinsteiger eingestellt, sodass sie die Kinder auch weiterhin sprachlich fördern können. Damit ist die Senatsverwaltung einer wichtigen Forderung der Schulen nachgekommen.

Kinder und Jugendliche aus Willkommensklassen haben zusätzlich in der Regel Anspruch auf Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket, das sich an Familien mit geringem Einkommen richtet. In diesem Rahmen kann die Schule mit externen Anbietern am Nachmittag bis zu drei Stunden pro Woche eine Lernförderung organisieren.

Die bildungspolitische Sprecherin der CDU-Fraktion, Hildegard Bentele, ist jedoch überzeugt, dass das noch nicht ausreicht: „Kulturelle Unterschiede, Traumata, das unbekannte Schulsystem können kaum in der relativ kurzen Verweilzeit in der Willkommensklasse überbrückt werden“, sagt Bentele. Wichtig sei, dass der Übergang nicht einer starren Regel folge, sondern gemäß dem Lern-und Integrationsprozess des einzelnen Kindes vollzogen werde. „Mir wird von Schulleitern berichtet, dass Flüchtlingskinder im Grundschulalter oft verloren sind, Jugendliche an den Oberschulen hätten oft Pro­bleme, sich zu integrieren“, sagt Bentele. Um diesen Kindern und Jugendlichen zu helfen, fordert die CDU einen „Paten“ für jedes Flüchtlingskind.

Fragt man Antje Michel, die Klassenlehrerin von Kim und Adil, welche Probleme ihr die meisten Sorgen bereiten, dann ist das nicht die Sprache, nicht der Förderunterricht, nicht einmal die Integration der Schüler. „Viele Kinder werden während des Jahres umgesiedelt“, sagt Michel. Gerade hätten sie sich an ihr neues Umfeld gewöhnt und Vertrauen gefasst, da müssten ihre Familien in ein ganz anderes Flüchtlingsheim ziehen und somit auch die Schule wechseln. „Schlimmer ist es, wenn die Familien oder Teile der Familie abgeschoben werden. Die Kinder verzweifeln regelrecht daran.“

Tiefe Narben – physisch und psychisch

Auch psychologische Unterstützung gebe es kaum. Für den Übergang in den Regelunterricht könnte sie aber wichtig sein. Wenn Adil gefragt wird, wo er herkommt, dann fängt der Achtjährige an, in seinem gebrochenem Deutsch vom Krieg zu erzählen. In seiner Hand hält er ein imaginäres Maschinengewehr und macht das Geräusch nach. Sein Gesicht, das mit etlichen Narben übersät ist, verzieht er. Adil erzählt ganz aufgeregt, wie ein Familienmitglied totgeschossen wurde und andere Leute in den Straßen. Adil hört gar nicht mehr auf, zu erzählen – und zu schießen.

Die Schinkel-Grundschule bereitet die Schüler behutsam auf den Übergang in die Regelklasse vor. So oft wie möglich kommen die Kinder der Willkommensklassen in Kontakt mit den übrigen Schülern: Durch gemeinsames Essen, Sport, Theateraufführungen, Bastelnachmittage, Aufräumprojekte und nicht zuletzt durch Schnupperunterricht in den Regelkursen lernen sich die Kinder über einen langen Zeitraum gemeinsam kennen und gewöhnen sich an den Alltag.

„Wir brauchen uns keine Illusion von einer homogenen Klasse zu machen“, sagt Michel. Sie ist eigentlich Gymnasiallehrerin, hat an der Schinkel-Schule vor einem Jahr angefangen. Homogenität gebe es auch in einer rein deutschen Klasse nicht. Manchen falle der Unterricht leichter, manchen schwerer, jeder Schüler habe andere Interessen.

Wann Kim und Adil schließlich bereit sind, die Willkommensklasse zu verlassen und in die Regelklasse zu gehen, entscheidet die Schulleitung der Schinkel-Grundschule auf Grundlage einer Empfehlung von der Klassenlehrerin. Wichtig dabei ist der Sprachstand der Kinder, aber auch die fachlichen Voraussetzungen spielen eine Rolle.

Kommentare einblenden
Interview

Berlin Live  „Dardai macht einen sehr guten Job“

Alexander Nouri ist seit einem Jahr Trainer von Werder Bremen
Alexander Nouri ist seit einem Jahr Trainer von Werder Bremen
Foto: Carmen Jaspersen / dpa
Alexander Nouri spricht über sein erstes Jahr als Trainer von Werder Bremen und lobt den kommenden Gegner Hertha BSC.
Mehr lesen