WM-Qualifikation

Berlin Live  Deutschland versöhnt sich mit sich und Timo Werner

Foto: Alexander Hassenstein / Bongarts/Getty Images
Beim 6:0 der DFB-Elf gegen Norwegen begeistert vor allem Timo Werner. Der Stürmer legt einen rasanteren Start hin als Müller und Klose.

Stuttgart.  Es gib einen großen Gewinner dieses großartigen Abends von Stuttgart. Es handelt sich hier um eine Gruppe von Männern, die sich immer donnerstags zum Kicken in Freiburg trifft und nach dem 6:0 der deutschen Nationalelf gegen Norwegen in Jubelschreie ausbrechen dürfte. Eines ihrer Mitglieder, ein gewisser Joachim Löw, hatte am Rande der Partie einen Ball geklaut. Mit ihm unter dem Arm spazierte der Bundestrainer am Montag aus dem Stadion in die Nacht. „In meiner Donnerstagsrunde ist der Ball kaputt“, sagte Löw grinsend. Damit war also eine Misere abgewendet.

Es gab natürlich noch ein paar andere Gewinner des Abends. Oder sagen wir, man hätte sich – abgesehen von den ramponierten Norwegern – schon sehr bemühen müssen, etwas Gegenteiliges zu finden. Gewonnen hatte das Stuttgarter Publikum, das viel Empathie bewies. Gewonnen hatte auch die deutsche Elf, die vielleicht ihre beste Leistung seit der WM 2014 zeigte. Und ganz besonders gewonnen hatte ein Stürmer, dem diesmal nicht der Zorn der Zuschauer entgegenschlug, sondern die Herzen zuflogen: Timo Werner. „Das war eine wunderbare Geschichte. An diesem Abend haben wir erlebt, wie viel Spaß Fußball machen kann“, sagte der Balldieb Löw.

Stuttgarter Publikum zeigt starke Reaktion

Das Spiel seiner Mannschaft war ein Statement: So geht Fußball. „Wir wollten von Anfang an begeistern“, sagte Kapitän Thomas Müller, „Norwegen hat da ganz gut mitgemacht und uns die Räume gegeben, die wir in Tschechien vermisst haben.“ Dort hatte sich die DFB-Auswahl beim 2:1 noch schwer getan. Nun überflügelte sie federleicht den Gegner und steht mit acht Siegen aus acht Spielen dicht vor der WM-Qualifikation. Dass sie zwei Partien vor Schluss noch nicht perfekt ist, weil Verfolger Nordirland in Gruppe C gegen Tschechien gewann und nur fünf Punkte Rückstand hat, fand Löw sogar gut: „Dann bleibt die Spannung hoch.“

Ein Statement sendete auch das Stuttgarter Publikum: So geht Toleranz. Und damit befreite es den deutschen Fußball und die Republik insgesamt aus einer Misere. Die Nazi-Parolen der Verwirrten von Prag sollten nicht unkommentiert bleiben. „Das war eine sehr schöne Reaktion auf das Ganze, was am Freitag passiert ist. Zehntausende haben sich ganz klar dagegen gestellt, was in Prag ein paar Idioten von sich gegeben haben. Genau so soll es sein“, sagte Mats Hummels.

Wertschätzung von Fans, Müller und Hummels

Am beschwingtesten aber reiste Timo Werner aus Stuttgart ab. Zwei Tore hatte der Leipziger Angreifer erzielt, steht jetzt bei insgesamt sechs in acht Länderspielen. Nicht einmal Thomas Müller und Miroslav Klose, die beiden deutschen Topstürmer vor Werner, schafften einen solchen Start in der Nationalelf: Beiden gelangen fünf Treffer in ihren ersten acht Länderspielen.

Doch heilsamer noch für den 21-Jährigen war die Wucht der Liebesbekundungen von den Rängen, da er meistens eher wuchtige Ablehnung erfährt. „Nach der Geschichte, die war, war das nicht zu erwarten“, sagte Werner und schien berührt. „Ich konnte es mit Toren zurückzahlen.“

Aber die Zuneigung ging weit über die Tribüne hinaus. „Timo wusste gar nicht mit so viel Lob und dieser Stimmung umzugehen. Aber wenn er so weitermacht, wird er sich noch daran gewöhnen“, sagte Müller. Hummels nannte Werner einen „herausragenden Stürmer, der da heranwächst“, um sich schnell zu korrigieren: „Wobei das zu wenig ist, er ist ja jetzt schon ein verdammt starker Spieler. Ich glaube, da könnten wir auf lange Sicht einen sehr, sehr starken deutschen Mittelstürmer haben.“

Gomez würde für 21-Jährigen sogar auf die WM verzichten

Besonders bemerkenswert war aber die Reaktion von Werners Sturmkonkurrenten Mario Gomez: „Ich hatte auf der Bank Gänsehaut“, sagte der 32-Jährige und verriet, dass er mit Löw eine Abmachung getroffen habe, die ihn hinter Werner in der Stürmerrangfolge einreiht.

„Fußball ist Konkurrenzkampf, aber ich habe dem Bundestrainer gesagt: Wenn du mich brauchst, werde ich da sein. Und wenn nicht, kein Problem. Wir brauchen Timo Werner bei der WM, wenn wir Weltmeister werden wollen“, sagte Gomez. Das sagt viel über das Binnenklima der Nationalelf aus. Gomez glaubt ohnehin: „Timo wird in den nächsten zehn Jahren den Sturm in Deutschland dominieren, vielleicht sogar in Europa.“ Und damit könnte er recht haben.

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