Blaualgen

Berlin Live  Riskantes Badevergnügen am Tegeler See

Ein Warnschild am Tegeler See
Ein Warnschild am Tegeler See
Foto: David Heerde
Wegen möglicher Giftstoffe im Wasser soll im Tegeler See nicht gebadet werden. Einige tun es trotzdem.

Die Warnung zeigt Wirkung. Deutlich weniger als sonst sei hier los, sagt Karin Hampel. Die Hennigsdorferin fährt öfter zum Schwimmen an den Tegeler See. „Bei so schönem Wetter wie heute kommen die Leute eigentlich in Scharen“, sagt sie. Doch an diesem Sonntag hat sich am „Arbeiterstrand“ gerade mal ein gutes Dutzend Badelustige eingefunden. Auch die Wasserrettungsstation der DLRG ist unbesetzt.

Der Grund für die Sonnenabstinenz trotz fast 30 Grad im Schatten ist nicht so leicht zu finden. Etwas abseits, eher unauffällig an einen Baum geheftet, hängt ein Schreiben des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (Lageso), in dem vor „Blaualgenentwicklungen am Tegeler See“ gewarnt wird. Die staatlichen Gesundheitswächter empfehlen den Besuchern, den Kontakt mit den ans Ufer geschwemmten Algensammlungen zu vermeiden. Die Algen seien in der Lage, Giftstoffe zu produzieren, heißt es da etwas nebulös.

Gleich darunter ein Warnschild vom Bezirksamt Reinickendorf, auf dem Hundebesitzern „wegen bisher ungeklärter Todesfälle mehrerer Hunde“ empfohlen wird, mit ihren Tieren den Uferbereich zu meiden. Und an der Seite ist schließlich noch ein Zettel in warnendem Orange gepinnt, darauf ein rotes Schwimmverbotszeichen und die Aufschrift „Aktuelle Beurteilung: Vom Baden wird abgeraten“. In Klammern steht da noch einschränkend: „Nur während der Badesaison vom 15.5. bis 15.9.“ Der Verfasser des Verbots ist auf dem Zettel allerdings nicht vermerkt.

Erst Giftköder, dann neuartige Blaualge als Auslöser vermutet

Auslöser der recht unübersichtlichen Zettelaktion sind eine Reihe noch nicht abschließend geklärter Todesfälle von Hunden. Wie berichtet, sind in den vergangenen Wochen etwa 15 Tiere nach einem Spaziergang am Tegeler See mit Vergiftungserscheinungen gestorben. Ausgelegte Giftköder wurden anfangs vermutet, später war von einer neuartigen Blaualgen-Gattung die Rede, die ein Gift produziert, die auch Menschen gefährlich werden könnte. Vor allem für Kinder könnte das Gift gefährlich werden, wenn sie größere Mengen verunreinigten Wassers trinken.

Als Miroslava Ilieva von den Warnungen hört, bekommt sie einen kleinen Schreck. Sie sei schon am Sonnabend mit ihren Zwillingen Elena und Boris am See gewesen. Schon da habe sie sich gewundert, warum so wenige Menschen am Strand sind. Die Zweijährigen seien aber nur kurz mit den Füßen im Wasser gewesen, sagt sie, wohl auch, um ihr Gewissen etwas zu beruhigen.

Im Uferbereich ist das Wasser glasklar

Auf Valentinswerder, gut zweieinhalb Kilometer entfernt, ist eher der Ausfall der „Odin“ das Thema. Schon seit Monaten könne die Personenfähre wegen eines Defekts an der Antriebsmaschine keine Besucher mehr auf die idyllische Insel am südwestlichen Ende des Tegeler Sees bringen, berichtet Jens, der mit seinem Boot eine Art Shuttleservice für Insider eingerichtet hat. Von den Blaualgen habe er auch schon gehört, für ihn ist das Panikmache. „Hier ist immer viel Schiffsverkehr, das ist auch viel Bewegung im Wasser“, sagt er beim Ablegen in Tegelort. Im Uferbereich ist das Wasser glasklar, von Algenansammlungen ist weit und breit nichts zu sehen.

Auch an der einzigen Badestelle auf der Insel geht es entspannt zu. Warnhinweise am Ufer gibt es nicht. Gleich mehrere Kleinkinder planschen im seichten Wasser. Unter ihnen Kya, die Fünfjährige tobt vergnügt herum. „Wir haben bereits gestern in der Familie über die Algen diskutiert. Aber ich denke, so wie das Wasser hier aussieht, ist es keine Gefahr“, sagt Mutter Nadja Leyh, die vom Steg aus über ihre Tochter wacht. Sie sei sehr oft hier und habe schon mehrfach erlebt, wie der See „gekippt“ sei. „Dann schwimmen Algen in dicken Schlieren auf dem Wasser.“ Davon sei jetzt aber nichts zu sehen.

Auch unter den Kinder sind die Algen ein Thema

Etwas skeptischer sieht Klaas Glenewinkel die Sache. „Meine Kinder dürfen am Ufer mit den Füßen ins Wasser gehen. Bis das mit den Algen geklärt ist, habe ich ihnen aber das Rausschwimmen auf den See verboten“, sagt der Mann aus Prenzlauer Berg, der ein kleines Häuschen auf der Insel hat. Auch unter den Kindern sind die Algen ein Thema. Eines der Mädchen ruft warnend: „Die sind doch gefährlich.“ Der Junge springt trotzdem ins Wasser und antwortet: „Laufen ist auch gefährlich.“

Auch Karin Hampel lässt nicht von ihren Plänen abbringen. „Schauen sie sich an, wie klar das Wasser hier ist.“ Wenn es giftig wäre, würden doch viele Seetiere auch betroffen sein. Doch nicht nur die Enten am Ufer ziehen unverdrossen ihre Kreise. „Weiter draußen können sie kaum schwimmen, so viele Fische gibt es jetzt“, sagt Karin Hampel und stürzt sich in den Tegeler See.

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