Sicherheit in Berlin

Berlin Live  Die hellen und dunklen Seiten der Wachdienste in Berlin

Kampfsport-Training bei einem Sicherheitsdienst
Kampfsport-Training bei einem Sicherheitsdienst
Foto: Reto Klar
Die Sicherheitsbranche in der Hauptstadt ist ausgelastet. Alle suchen Personal. Aber der Boom birgt auch Risiken.

In zehn Jahren als Türsteher musste Moreno Cabraja nur zehn mal „aktiv werden“. Dass das eine gute Nachricht ist, wird klar, als Cabraja – Stiernacken, Bullenstatur, Lausbubenlächeln – zeigt, was er mit „aktiv werden“ meint.

Donnerstagabend im ehemaligen Schlachthaus Spandau. Wo früher Rinderkadaver zerlegt wurden, hat die Sicherheitsfirma SGB eine Trainingshalle für ihre Mitarbeiter eingerichtet. Die Fleischfabrik, mit Fitnessgeräten, einem virtuellen Schießstand, einem Käfig für MMA. Den Vollkontaktsport, bei dem bis auf Tritte gegen Gegner am Boden und Weglaufen so gut wie alles erlaubt ist, übt Cabraja hier fünfmal die Woche.

Drei durchtrainierte Männer müssen sich gegen die Plastikpuppe stemmen, an der Cabraja den Ernstfall an der Clubtür simuliert. Würden sie das nicht tun, Cabrajas Schläge unter den Brustkorb würden die Puppe durch den gekachelten Saal schleudern.

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Sichtbare Druckstellen heißen Ärger mit der Polizei

Lektionen aus Berlins Nachtleben: Wenn du schlagen musst, immer dort, wo Kleider die Haut bedecken. Sichtbare Druckstellen heißen Ärger mit der Polizei. Die Angst ist dein Freund, durch sie behältst du die Gefahren immer im Auge. Die wichtigste Regel für Cabraja: „Ehre, Würde und Stolz musst du zu Hause lassen.“ Cool bleiben, Statur zeigen, seinen Körper setzt er nur im Notfall ein.

Berlins privates Sicherheitsgewerbe boomt wie keine andere Branche in der Hauptstadt. Die Zahl der Mitarbeiter hat sich nach Daten der Investitionsbank Berlin in nur sieben Jahren verdoppelt. 2016 setzten die Unternehmen ein Drittel mehr um als im Vorjahr. Fast 25.000 Menschen verdienen in Berlin ihr Geld mit der Sicherheit.

In der Hauptstadt mit ihren vielen Behörden und Großveranstaltungen ist die Sicherheitsbranche nach Angaben von IBB-Volkswirt Claus Pretzell relativ gesehen doppelt so stark wie im übrigen Deutschland.

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„Es gibt amüsantere Dinge, als Leute zu verhauen“

Dass sich mit Sicherheit gutes Geld verdienen lässt, zeigt schon ein Blick in die Geschäftszentrale von SGB. Die Eingangshalle ziert eine Ritterrüstung, den Besprechungsraum ein riesiger Plasmabildschirm für Videokonferenzen. Gegenüber ein wandfüllendes Plakat mit einem Zitat von Muhammed Ali: „Es gibt amüsantere Dinge als Leute zu verhauen.“

Mit der massenhaften Ankunft 2014 und 2015 von Geflüchteten hat die Branche einen weiteren Schub erlebt. Aber gerade bei der Sicherung von Asylunterkünften zeigte sich immer wieder: Nicht alle Wachschützer arbeiten professionell, bleiben in Stresssituationen gelassen. Im Herbst 2015 etwa, als Prügelattacken gegen wartende Geflüchtete am Lageso öffentlich wurden und ein Video einen Wachmann zeigte, der mit Nazi-Parolen gegen die Asylbewerber hetzte.

Immer wieder produziert die Branche Negativ-Schlagzeilen

Security-Leute in schwarzen Uniformen und Neonwesten sind heute allgegenwärtig. Auf Flughäfen kontrollieren sie im Auftrag der Bundespolizei, sie patrouillieren in der U-Bahn und in Einkaufszentren, halten Wache vor Behörden, Diskotheken und sogar in Krankenhäusern. Konzerte und Sportveranstaltungen bedeuten in Zeiten von Terrorangst jedes Mal Großeinsätze. „Wo früher zehn Leute standen, stehen jetzt 50“, sagt ein Branchenkenner. Bei jedem Kinderkonzert werden heutzutage die Rucksäcke durchsucht.

Die Branche ist völlig ausgelastet. Alle suchen händeringend Personal. Der Karneval der Kulturen wäre über Pfingsten beinahe ausgefallen, weil niemand 700 Sicherheitsleute parat hatte und ein taugliches Konzept für die Massenparty lange nicht vorlag. Große Anbieter zogen sich zurück. Erst als der Verband eingriff und mehrere Firmen zusammenbrachte, konnten Straßenfest und Umzug stattfinden.

Sicherheit ist gefragt. Aber ist wirklich jeder, der einen in Uniform grimmig anschaut qualifiziert? Achtet der Staat genug auf die Qualifikation und die Eignung? Immer wieder produziert die Branche Negativ-Schlagzeilen. Zuletzt eskalierte der Ärger im Rathaus Wilmersdorf: Ende Mai 2017 besetzen an die 50 Geflüchtete den Rasen vor der Notunterkunft. Sie protestieren wegen vermeintlicher Hygieneprobleme – und gegen wiederholte Gewalt durch die Wachschützer.

Würgegrif von hinten, der Mann wird zu Boden gedrückt

Es gibt Handyvideos von den Vorfällen. Eines zeigt einen Mann, der heiser schreit, dann umringt wird von fünf Männern in schwarzer Security-Kluft. Würgegriff von hinten, der Mann wird gewaltsam zu Boden gedrückt. Warum es zum Streit kam, ist aus den verwackelten Aufnahmen jedoch nicht ersichtlich. Der ehrenamtliche Helfer Holger Michel, räumt ein, dass „die schon mal robust zugreifen“.

Die Sicherheit in Asylheimen ist ein lukratives Geschäft. Der Betreiber des einst größten Berliner Quartiers im Flughafen Tempelhof musste allein 30 Millionen Euro für Sicherheit, Service und Reinigung ausgeben. Aber auch in einer regulären Unterkunft für 300 Personen schlagen die Bewacher mit 20.000 Euro monatlich zu Buche. Und doch beschäftigt der Flüchtlingssektor nach Schätzungen des Branchenverbandes BDWS nur etwa zehn Prozent aller Security-Mitarbeiter.

Aber nicht nur beim Bewachen von Flüchtlingsunterkünften zeigen Einzelfälle: In hitzigen Situationen können augenscheinlich überforderte Sicherheitskräfte schnell selbst zum Sicherheitsrisiko werden. Aus Ermittlerkreisen heißt es, dass vor manchen Berliner Clubs privat angeheuerte Türsteher vor allem damit beschäftigt sind, befreundete Dealer reinzulassen und anderen notfalls mit Gewalt den Zutritt zu verweigern. Die FDP fordert in einem aktuellen Antrag im Abgeordnetenhaus, dass auch von Gastronomie-Betrieben engagierte Türsteher den Regeln des Sicherheitsgewerbes unterliegen. Bislang gibt es dort weder Kontrollen, noch brauchen die Türsteher irgendeine Erlaubnis.

Menschen auf Rolltreppen, Menschen vor Geschäten

Michael Kuhr kennt beide Seiten der Branche. Die gute – und die schlechte. Berlin, Leipziger Platz, ein für die Öffentlichkeit unzugänglicher Raum im 1. Stock des Einkaufszentrums „Mall of Berlin“. An einer der Wände flimmern auf unzähligen Monitoren Bilder von Überwachungskameras. Menschen auf Rolltreppen, Menschen vor Geschäften, Menschen im „Food-Court“.

Vor der Wand mit den Monitoren sitzt an einem Schreibtisch eine Mitarbeiterin der Firma Kuhr Security. „Auf einem der Monitore haben wir gerade einen Jungen wiederentdeckt, der von seiner Mutter gesucht wurde“, sagt sie. Hinter dem Schreibtisch steht ihr Chef. Weißes Hemd. Schwarzer Anzug. Ernster, wacher Blick. Michael Kuhr misst vielleicht 1,70 Meter, ist also eher klein, wirkt aber umso durchtrainierter. Er erzählt von seiner Zeit als Türsteher. Von der Gründung von Kuhr Security vor mittlerweile 23 Jahren. Von den prestigeträchtigen Aufträgen als Bodyguard, bei denen er Weltstars wie den Sprint-Weltmeister Usain Bolt oder die Popsängerin Lady Gaga betreute.

Für Kuhr Security arbeiten mittlerweile rund hundert Mitarbeiter. Michael Kuhr hat wie kaum ein anderer vom Wachstum der Branche profitiert. Mittlerweile bereitet ihm der Boom aber auch Sorgen. „Die Nachfrage ist so groß, dass die Unternehmen es gar nicht mehr schaffen können, genug Leute einzustellen, die für den Job geeignet sind“, sagt Kuhr. Immer wieder würde er Bewerber ablehnen, weil sie Vorstrafen hätten. „Manche machen Kraftsport, nehmen Anabolika, und halten sich für einen zweiten James Bond“, sagt Kuhr. „Sie können aber nicht mit Menschen umgehen.“ Als Mitarbeiter seien sie daher kaum zu gebrauchen. Ob andere Firmen solche Bewerber trotzdem einstellen würden? Kuhr sagt: „Es gibt Firmen, die versuchen, mit allen Mitteln in den Markt zu drängen und dabei sind ihnen ziemlich viele Mittel recht.“

Ob eine Erlaubnis vorliegt, wird nur selten kontrolliert

Und der Staat? Hat einige Regeln erlassen, die den Markt reglementieren und die Qualität der Mitarbeiter sichern sollen. Wer Wachschützer werden will, braucht eine Erlaubnis und muss Voraussetzungen erfüllen. Keine Vorstrafen, keine ausufernden Schulden. Ein 40-stündiger Kursus bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) samt Abschlussprüfung. Doch gerade in der Boom-Phase, als in der Stadt fast im Wochenrhythmus neue Flüchtlingsunterkünfte eröffneten, die alle bewacht werden sollten, kümmerten sich einige Unternehmen nicht um die Regeln. Die Unterschrift unter den Arbeitsverträgen war kaum trocken – und schon sollten die Mitarbeiter ihren Dienst antreten. Ohne Kursus der IHK. Ohne Sachkundeprüfung. Ohne Erlaubnis des zuständigen Bezirksamtes. So erzählt es Michael Kuhr, so erzählen es auch andere Branchenkenner. „Ob die Erlaubnis vorliegt, wird ja nur selten kontrolliert“, sagt Kuhr.

Die Grauzone ist riesig, die Ränder reichen bis in die organisierte Kriminalität hinein. Wer in solche Strukturen einsteigt, hat als Arbeitnehmer kaum Rechte. „Wo es dreckig losgeht, geht es auch dreckig weiter“, sagt ein Gewerkschafter. Der Zoll kontrolliert hin und wieder. Zuletzt rückten Ende März 144 Beamte aus und überprüften 20 Berliner Flüchtlingsunterkünfte, sprachen dort mit 584 Wächtern. In drei Fällen zahlten Firmen nicht den Mindestlohn, ebenso oft keine Beiträge zur Sozialversicherung. Zwei illegal beschäftigte Ausländer trafen die Prüfer an. Die Qualifikation der Wachleute kontrolliert der Zoll jedoch nicht.

„Der Markt wächst, und alle wachsen mit“

Die größeren Unternehmen der Branche sind bemüht, Ordnung zu schaffen. Aber weil fast jeder ohne große Vorbildung ein Sicherheitsunternehmen aufmachen kann, drängen immer neue Anbieter auf den Markt. Und für alle gibt es Arbeit. „Der Markt wächst, und alle wachsen mit“, sagt Rainer Ehrhardt, Chef von Gegenbauer Sicherheitsdienste, einem der großen Anbieter der Stadt. Der Umsatz stieg stärker als die Zahl der Mitarbeiter. Obwohl die Branche über niedrige Margen klagt, rechnen Insider mit Gewinnen von vier Prozent vom Umsatz. Und es ist mehr Geld drin: „Das Geld verdienst du mit der Leistung, die du nicht erbringst, obwohl du sie versprochen hast“, berichtet ein Kenner der Szene. Will heißen: Der Kunde bestellt 80 Security-Männer. Langfristig eingesetzt werden vielleicht 60. Wer kann nachvollziehen, ob tatsächlich die bestellte Anzahl Dienst tut?

Die Öffentliche Hand ist wichtig als Auftraggeber. Der Senat hat laut Arbeitsverwaltung in den vergangenen zehn Jahren im Durchschnitt sieben Millionen Euro direkt an 67 private Sicherheitsdienste bezahlt, Tendenz stark steigend. Hinzu kommen andere öffentliche Stellen, Bezirke, der städtische Immobilienbetreiber BIM oder das Landesamt für Flüchtlinge. Die Branchengrößen kassieren Millionen, wobei fast alle auch noch Reinigung und andere Serviceleistungen mit verkaufen. Allein der Marktführer Securitas, der nur Sicherheit anbietet, bekam in den letzten zehn Jahren 37 Millionen Euro vom Senat.

Qualitätskriterien kämen nur manchmal ins Kalkül

Auch deswegen hat sich die Branche schon immer um einen engen Kontakt zur Politik bemüht. Werner Gegenbauer war lange Präsident der Handelskammer. Das Essener Sicherheits- unternehmen Kötter, immerhin nach der Securitas die Nummer zwei in Deutschland, hat sich die Dienste des SPD-Abgeordneten Robert Schaddach gesichert, um in Berlin und Ostdeutschland zu expandieren. Das gestalte sich aber als schwierig, berichtet der Marketing-Experte. Ein Grund sei die Ausschreibungspraxis vieler öffentlicher Stellen. Immer noch erhalte oft der billigste Anbieter den Zuschlag. Qualitätskriterien kämen nur manchmal ins Kalkül.

Eine Vorentscheidung über die Zukunft der Sicherheitsbranche in der Region fällt am kommenden Donnerstag. Im Gebäude der Arbeitsverwaltung muss der Tarifausschuss entscheiden, ob der Tarifvertrag für die Sicherheitsbranche für allgemeinverbindlich erklärt wird. Dann müssen nicht nur die acht Prozent der Unternehmen, die im Arbeitgeberverband organisiert sind, höhere Löhne zahlen, sondern alle. Auf 9,35 Euro Grundlohn pro Stunde haben sich Verdi und die Arbeitgeber verständigt. Ende 2018 soll die Zehn-Euro-Grenze fallen. Wer besser qualifiziert ist, verdient schon heute oft mehr. Gute Mitarbeiter werden von anderen Firmen abgeworben.

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