Charité

Berlin Live  Wenn eine Hummel im Krankenhaus Visite macht

Kathrin Schmidt (l) und Caroline Körner mit Hummel Simon an Antons Krankenbett im Virchow-Klinikum
Kathrin Schmidt (l) und Caroline Körner mit Hummel Simon an Antons Krankenbett im Virchow-Klinikum
Foto: Maurizio Gambarini
Der Verein „Hummelkind“ will Kindern den Klinikaufenthalt mit einem speziellen Besuchsprogramm leichter machen.

Auf einmal hat Anton das Herz in der Hand. Versehentlich herausgerissen. Verdutzt hält er das rote Stück Textil zwischen seinen Fingern. „Huch, das wollte ich nicht“, sagt er, schaut dann aber doch neugierig, was noch alles im Bauch der flauschigen Hummel steckt. Lunge, Leber und Blase. Für die interessiert sich Anton besonders: „Kommt da auch Pipi heraus?“

Der Achtjährige hat sich beim Entzünden eines Lagerfeuers mit einer Gasflasche Verbrennungen zugezogen und liegt jetzt mit einem verbundenen Bein im Bett auf der Kinderchirurgiestation 27 der Charité, Campus Virchow-Klinikum. Seit drei Tagen ist er in der Klinik, das kann schon langweilig werden, auch wenn der Vater immer um ihn ist. Darum freut er sich jetzt über die Ablenkung der Hummelkind-Visite.

Einmal im Monat besuchen die angehende Medizinerin Kathrin Schmidt und Illustratorin Caroline Körner zusammen mit Hummel Simon die kleinen Patienten in der Kinderchirurgie. Simon ist dabei klarer Favorit der Kinder. Das etwa 30 Zentimeter große Stofftier lässt sich am Bauch mit einem Reißverschluss öffnen, und in ihm stecken alle wichtigen Organe. An der Hummel lassen sich Abläufe im Körper, Erkrankungen und Operationen erklären.

Anton findet das spannend und er hat viele Fragen. Kathrin Schmidt beantwortet sie ihm – anschaulich, kindgerecht und mit viel Geduld. Im Krankenhausalltag ist dafür normalerweise nur wenig Luft. Bei der Visite rauscht der Arzt meist nur schnell über die Station, wenn vielleicht gerade ein kleines Zeitfenster zwischen zwei Operationen ist. Die vielen Fragen der Kinder bleiben dabei meist ohne Antwort, die Angst vor der Krankheit oder Operation wird ihnen selten genommen.

Die Idee zum Projekt entstand im Krankenbett

„Oft wird davon ausgegangen, dass Eltern ihren Kindern alles zur Operation oder Erkrankung erklären und ihnen die Angst nehmen“, so die Beobachtung von Kathrin Schmidt, aber das funktioniere häufig nicht, weil die Eltern oft ja selbst Angst haben und nicht wissen, was auf sie zukommt. Bei der Hummelkind-Visite sollen die Kinder nun direkt angesprochen werden.

Die Idee dazu haben Kathrin Schmidt und Caroline Körner gemeinsam entwickelt, geboren wurde sie – wo sonst – im Krankenbett. „Drei Tage lagen wir im Frühjahr 2014 zusammen in einem Zimmer“, erzählt Caroline Körner, „da hatten wir viel Zeit, über unsere Pläne zu sprechen“. Und die gingen in die gleiche Richtung: Körner hatte in Zusammenarbeit mit Medizinern bereits drei Bücher geschrieben, in denen die Hummelkinder Simon, Finn und Kira erklären, wie eine Operation abläuft, wie Krebs entsteht und bekämpft werden kann und was eigentlich eine Skoliose, eine Wirbelsäulenverkrümmung, ist. „2010 hatte ich selbst einen Tumor in der Wirbelsäule und als Kind war ich auch schon im Krankenhaus“, erinnert sich Körner. Erklärt wurde ihr damals kaum etwas. Aber das müsse doch auch anders gehen, sagte sie sich und entwarf die Hummelkind-Bücher im Rahmen ihrer Abschlussarbeit zur Illustratorin und Grafikdesignerin. Die lagen nun bei ihr zu Hause in der Schublade.

Ideen, die das Klinikleben für Mitarbeiter oder Patienten verbessern können

Kathrin Schmidt wiederum, die vor ihrem Medizinstudium als Physiotherapeutin gearbeitet hat, ist selbst Mutter von drei Kindern, sie weiß, wie wichtig die Ansprache der Kinder für den Heilungsprozess ist, aber auch, wie wenig man darauf im Medizinstudium vorbereitet wird. Also beschlossen die beiden: „Machen wir etwas draus.“

Die Gelegenheit ergab sich schon wenige Wochen nach ihrem Krankenhausaufenthalt. Die Charité hatte einen Preis ausgeschrieben: Gesucht wurden Ideen von Mitarbeitern oder Studenten, die das Klinikleben für Mitarbeiter oder Patienten verbessern könnten. Die beiden Frauen reichten das Konzept für die Hummelkind-Visite ein. Den Preis bekamen sie zwar nicht, aber sie konnten das Projekt dennoch an der Kinderklinik der Charité umsetzen.

Medizinstudenten lernen, auf junge Patienten einzugehen

Seit zwei Jahren gibt es nun die Hummelkind-Visite an der Charité. Zum Team gehören nicht nur Schmidt und Körner, sondern auch weitere Medizinstudenten, die sich hier ehrenamtlich engagieren und nebenbei lernen, auf die sehr jungen Patienten einzugehen. Einen Nachmittag lang ziehen sie von Raum zu Raum, überreichen den Kindern Willkommenstüten, gefüllt mit Info- und Bastelmaterial sowie kleinen Geschenken.

Das Wichtigste ist aber wohl die Zeit und Aufmerksamkeit, die das Hummelkind-Team mitbringt. Zeit, die Ärzte bei der Personalknappheit in den Kliniken oft einfach nicht haben. Manchmal fehle es bei den Ärzten in der Eile aber auch daran, sich die Sprache der Kinder zu eigen zu machen, hat Körner beobachtet und bringt gleich ein Beispiel an: „Wenn ein Kind bei der Visite gefragt wird, ob es Stuhlgang hatte, kann es doch damit nichts anfangen“, es denke dann vielleicht eher an das Spiel Reise nach Jerusalem.

Das Kind selbst beschäftigten im Klinikalltag doch ganz andere Dinge: Wozu welches Gerät gebraucht wird, was da für Flüssigkeit in den Schläuchen steckt, wieso alle immer auf die Desinfektionsautomaten drücken. Die meisten Fragen kämen von Kindern zwischen sechs und zwölf Jahren, so die Beobachtung von Schmidt und Körner. An sie richten sich daher auch die Hummelkind-Bücher, die über www.hummelkind.de verkauft werden.

Die Visite selbst finanziert sich ausschließlich aus Spenden und ist als gemeinnütziger Verein organisiert. Von den Spenden werden zum Beispiel die Infomaterialien und Plüschhummeln angefertigt. Bislang gibt es die Hummelkind-Visite nur an der Charité, doch Ziel ist es, das Projekt auch auf andere Kliniken auszuweiten.

Anfragen gab es bereits aus dem Vivantes Klinikum im Friedrichshain, und auch der Berufsverband der Deutschen Chirurgen hat beim Verein schon Interesse bekundet, das Projekt in die Ausbildung der Assistenzärzte zu integrieren.

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