Fachkräftemangel

#Wirtschaft  Berliner Handwerk zwischen Boom und Nachwuchssorgen

Glasermeisterin Julia Busch hat eine eigene Firma und gut zu tun
Glasermeisterin Julia Busch hat eine eigene Firma und gut zu tun
Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost
Das Berliner Handwerk feiert ein Allzeithoch bei Aufträgen, doch Kunden müssen lange auf Fachkräfte warten.

Die Arbeit wird Glasermeisterin Julia Busch so schnell nicht ausgehen. Sie und Sven Klingele, der ebenfalls Glasermeister ist, haben sich auf die energetische Sanierung von Doppelkastenfenstern spezialisiert. Eine Million solcher Fenster gebe es in Berlin, haben die beiden hochgerechnet. Genug zu tun also, wenn es darum geht, die einfach verglasten Fenster durch doppelte Scheiben mit Wärmeschutz zu ersetzen.

Die Auftragsbücher des Unternehmens „Glas macht Spaß“ am Rüdesheimer Platz in Wilmersdorf sind gut gefüllt. Drei bis vier Wochen Zeit müsse ein Auftraggeber mitbringen, der die Scheiben von zehn bis 15 Fenstern auswechseln wolle. Bei Großaufträgen dauert es hingegen länger. Damit liegt der Handwerksbetrieb weit unter den branchentypischen neun bis elf Wochen Wartezeit, die im Berliner Baugewerbe inzwischen an der Tagesordnung sind.

Kammerpräsident Stephan Schwarz präsentierte am Mittwoch überaus positive Zahlen über die wirtschaftliche Lage des Berliner Handwerks. „Seit 1991 sind die Berliner Handwerksbetriebe mit ihrer wirtschaftlichen Situation nicht mehr so zufrieden wie jetzt. Und auch für die Zukunft sind sie sehr optimistisch gestimmt“, sagte er. Der Geschäftsklimaindex, der Lage- und Erwartungseinschätzungen der befragten Unternehmen widerspiegelt, sei auf das Allzeithoch von 124 Punkten gestiegen. „Treiber dieser Entwicklung sind die Bau- und die Ausbaugewerke“, sagte Schwarz. Gründe seien die gute Binnenkonjunktur und die Niedrigzinsphase. „Verbrauchern und Investoren fällt es leichter, Geld in die Hand zu nehmen. Sie investieren zum Beispiel in die energetische Sanierung, statt ihr Kapital bei Nullzinsen auf der Bank zu parken.“

Handwerksfirma findet keinen Lehrling

Ein gutes Beispiel für diesen Trend, in das sogenannte Betongold zu investieren, sind die Glaser Julia Busch und Sven Klingele. Der Betrieb existiert seit mehr als 20 Jahren. Ein Geselle und ein Helfer unterstützen die beiden Inhaber. Gerne würden sie auch einen Lehrling beschäftigen. Doch es ist nicht einfach, eine geeignete Kraft zu finden. „Oft sind die Grundvoraussetzungen nicht gegeben“, so Klingele. Hinzu komme, dass das Glaserhandwerk eher ein Schattendasein friste. „Wir haben keine starke Lobby“, sagte der Meister. „Dabei wird die Vielseitigkeit dieses Berufs unterschätzt.“ So sei seine Firma unlängst mit der Sanierung einer aufwendigen Bleiverglasung beschäftigt gewesen.

Die Auftragsbücher des Handwerks sind voll: Die Order-Reichweite bewegt sich bei Berliner Betrieben inzwischen bei zehn Wochen durchschnittlich. Für die Unternehmer ist das gut. „Die Auslastung der Produktionskapazitäten ist zu 84 Prozent garantiert“, so Kammerpräsident Schwarz. Die Kehrseite der Medaille sind Wartezeiten, die Kunden hinnehmen müssen. 94 Prozent der produzierenden Betriebe und der Dienstleister bezeichnet die Auftragslage als gut oder gar sehr gut. In Nahrungsbranchen ist es ähnlich. Dort sprechen 93 Prozent von einer guten Auftragslage.

„Diese Umsätze könnten höher sein, aber Betriebe sind oft nicht in der Lage, offene Stellen mit Fachpersonal zu besetzen“, sagte Schwarz. 15 Prozent der Unternehmen haben mehr Mitarbeiter eingestellt, aber 40 Prozent melden offene Stellen. „Der Fachkräftemangel kann zur Wachstumsbremse werden. Die Potenziale, die im Handwerk stecken, können nicht ganz umgesetzt werden.“

Hauptgeschäftsführer Jürgen Wittke beleuchtete bei der Vorstellung der Konjunkturumfrage einzelne Branchen. Danach sind die Gewerke am Bau die Lokomotive des Aufschwungs. Das Bauhauptgewerbe erreicht mit elf Wochen die höchste Auslastung. Ähnlich ist die bei Zulieferbetrieben: Auch hier gibt es elf Wochen Wartezeit. Die Kfz-Betriebe befinden sich seit 2014 im Aufschwung. Hier sind die Auftragsbücher branchenbedingt nur für zwei Wochen voll. 29 Prozent der Firmen wollen Personal einstellen. Einzig die Gesundheitsbranche wie Zahntechniker oder Orthopädiebetriebe partizipieren nicht vom Aufschwung. Sie meldet einen Klima­index von nur 94.

Betriebe wären stark von Dieselfahrverbote betroffen

Mit großer Sorge verfolgt die Handwerkskammer die Debatte um Dieselfahrverbote in Städten. „Für das Handwerk gibt es keine Alternative zu Dieselfahrzeugen. 93 Prozent der Transporter sind unmittelbar betroffen. Bei einem Fahrverbot könnte kein Handwerker mehr seine Kunden aufsuchen“, sagte Wittke. Auch 84 Prozent der Handwerker-Pkw dürften nicht mehr fahren. Und nur zehn Prozent der Transporter seien umrüstfähig.

Das Handwerk setzt weiter auf die Integration von Geflüchteten. „Das ist eine der wichtigsten gesellschaftlichen Aufgaben“, sagte Schwarz. „Die meisten sind jung, integrierbar und ausbildungsfähig.“ Sprachkenntnisse seien ein wichtiges Fundament. „Deshalb ist Sprachförderung wichtig.“ Die Erfahrungen seien überwiegend positiv. Schwarz sprach von einem hohen Motivationsniveau. Im vergangenen Jahr haben 150 Menschen eine Einstiegsqualifizierung erhalten. Ferner wurden 170 Ausbildungsverträge geschlossen. „Diese Kurve wird ansteigen“, so Schwarz. „In den Betrieben gibt es eine große Bereitschaft.“

Kommentare einblenden
Handwerk in Berlin

#Arbeitsmarkt  Berliner müssen wochenlang auf Handwerker warten

Geschäftsführerin Sabine Brunscheen und ihr Mitarbeiter Tim Meisel haben alle Hände voll zu tun
Geschäftsführerin Sabine Brunscheen und ihr Mitarbeiter Tim Meisel haben alle Hände voll zu tun
Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost
Berliner Fachbetriebe berichten von einem leergefegten Arbeitsmarkt. Wochenlange Wartezeiten drohen vor allem in Baubranchen.
Mehr lesen