Ausbildungsplätze

#Arbeitsmarkt  : Handwerk ist bei Berliner Jugendlichen wieder angesagt

Von der Uni in die Lehre: Patricia Goergen (28) macht eine Konditorenausbildung bei Fassbender & Rausch
Von der Uni in die Lehre: Patricia Goergen (28) macht eine Konditorenausbildung bei Fassbender & Rausch
Foto: Massimo Rodari
Das Handwerk hat endlich wieder goldenen Boden. Die Zahl der Auszubildenden stieg 2015 gegenüber dem Vorjahr um 8,7 Prozent.

Für Patricia Goergen (28) ist die Sache ganz klar: „Schokolade macht glücklich“, so die Berlinerin. „Ich wollte etwas Handwerkliches machen und habe meine Leidenschaft zum Beruf gemacht“, sagt die Auszubildende im zweiten Lehrjahr und lacht. Sie wollte nicht mehr vor dem Computer sitzen, sondern kreativ sein und mit Menschen arbeiten. Nach ihrem Universitätsabschluss im Fach Internationales Business-Management hat sie eine Konditorenlehre beim Schokoladenhaus Rausch begonnen. Ihren Weg beschreiten immer mehr junge Menschen. Handwerkliche Berufsausbildung gewinnt an Attraktivität.

Mehr als 14.000 Jugendliche haben im vergangenen Halbjahr bei den Berliner Arbeitsagenturen und Jobcentern Rat bei der Suche eines Ausbildungsplatzes gesucht. Die Zahl der gemeldeten betrieblichen Ausbildungsstellen ging um 1548 Stellen auf 10.971 nach oben, was einem prozentualen Anstieg von 16,4 Prozent entspricht. Ende März waren noch 9346 Jugendliche ohne Ausbildungsplatz. Gleichzeitig waren 7605 betriebliche Ausbildungsstellen noch unbesetzt, das waren 674 und damit 9,7 Prozent mehr als im März letzten Jahres.

Vor diesem Hintergrund stellte die Bundesagentur für Arbeit gemeinsam mit den Vertretern der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin, der Handwerkskammer Berlin, des Deutschen Gewerkschaftsbundes und der Vereinigung der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB) Trends auf dem Ausbildungsmarkt vor.

Frühling belebt Arbeitsmarkt in Berlin und Brandenburg

Auch für den Arbeitsmarkt insgesamt gab es positive Nachrichten. Die Zahl der Arbeitslosen in Berlin und Brandenburg ist im März im Vergleich zum Vorjahr weiter gesunken – um 20.537 auf knapp 305.900. In Berlin waren insgesamt 190.467 Arbeitslose gemeldet. Das waren 3234 weniger als im Februar dieses Jahres und 11.786 weniger als im März 2015. Die Arbeitslosenquote lag bei 10,4 Prozent – nach 10,6 Prozent im Vormonat und elf Prozent im Vorjahresmonat.

IHK-Hauptgeschäftsführer Jan Eder warb bei noch unentschiedenen Jugendlichen dafür, „eine duale Berufsausbildung als Alternative zu schulischen Bildungsgängen oder Studium ernsthaft in Betracht zu ziehen“. Eine Lehre sei keine Sackgasse. Unbesetzte Ausbildungsplätze müssten der Vergangenheit angehören, sagte Eder. Er appellierte an Unternehmen, für das laufende Jahr freie Ausbildungsplätze zu melden. „Die IHK Berlin unterstützt Jugendliche wie Unternehmen zum Beispiel über die Lehrstellenbörse oder mit dem Herstellen persönlicher Kontakte bei der passgenauen Besetzung“, versprach Eder. Er hält es für wichtig, das gesellschaftliche Ansehen der Berufsausbildung zu verbessern.

Kaufmann ist ein begehrter Beruf

„Das Handwerk ist wieder in“, sagte Jürgen Wittke, der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer. Das beweise die Zahl der betrieblichen Neuverträge, die gegenüber dem Vorjahr um 8,7 Prozent gestiegen sei. „Diese Zahlen machen uns glücklich“, sagte Wittke. „Das nachhaltige Ausbildungsengagement des Handwerks trägt jetzt Früchte.“

Zu den begehrtesten Berufen gehören Kaufmann beziehungsweise Kauffrau im Einzelhandel (1153 Bewerber), Verkäufer/in (970), Büromanagement (892), Arzthelfer/in (850), Kfz-Mechatroniker (695), Koch (342) und Friseur (341). Jutta Cordt, Regionalchefin der Bundesagentur für Arbeit, nannte auch die Top fünf bei den gemeldeten Lehrstellen: Kaufmann beziehungsweise Kauffrau im Einzelhandel (871) sowie im Büromanagement (765), Verkäuferin (499), Hotelfachmann (367) und Koch (364).

Ein Problem ist das hohe Qualifikationsgefälle bei den Bewerbern in der dualen Berufsausbildung. Ein Drittel verfüge über einen Hauptschulabschluss, 20 Prozent hätten Abitur, sagte Wittke. Alexander Schirp, Geschäftsführer der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg, sieht den Berliner Ausbildungsmarkt vor einer positiven Entwicklung. „Die Nachfrage wird in den kommenden Jahren steigen“, sagte er. Momentan seien in der Stadt 90.000 Beschäftigte älter als 60. In der wachsenden Stadt werde es einen Ersatz- und Erweiterungsbedarf geben.

Traum von der eigenen Konditorei statt Excel-Tabellen

Was muss eine erfolgreiche Konditorin können? „An erster Stelle kommt es auf Hygiene an. Man muss körperlich fit sein, denn bei der Arbeit steht man häufig“, sagt Patricia Goergen. Ein guter Konditor müsse zwar nicht gerade Chirurg sein, aber Fingerfertigkeit sei wichtig. Denn 300 bis 800 kunstvolle Törtchen werden in jeder Schicht zusammengefügt und verziert.

Das Unternehmen ist ein Familienbetrieb in der fünften Generation, hat 500 Mitarbeiter, 13 Azubis – Süßwarentechnologen, Konditoren und sogar Elektroniker. „Die duale Ausbildung ist ein guter Grundstock“, sagt Personalchefin Laura Schiffner. „Uns geht es darum, Fachkräfte zu sichern. Denn es ist schwierig, in Nischenberufen Fachkräfte zu finden ist.“ 98 Prozent der Azubis bleiben im Unternehmen. Danach stehen ihnen viele Türen offen: die Meisterschule oder ein Studium. Das sieht auch Patricia Goergen so: „Vielleicht will ich mich später ja einmal selbstständig machen.“

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